9. Juni 2013 | Predigt

„Wundert euch nicht, wenn euch die Welt hasst!“

Predigt von Pastorin Martina Trauschke am 9. Juni 2013 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche | Predigttext: 1. Johannes 3, 13 –18

Liebe Gemeinde!

Wir haben heute einen Text zur Predigt, der von einem unbestechlichen Realismus zeugt. Neulich hatte ich ein Gespräch mit einer älteren Dame, der ein Spruch ihres Großvaters, den er ihr vor etwa siebzig Jahren gesagt hatte, immer im Gedächtnis geblieben ist: Christlicher Glaube ist Volksverdummung. Nun ist der Glaube auf die unterschiedlichsten Weisen gelebt werden. Wenn wir auf den Predigttext für heute blicken, wird mit Verharmlosung jedenfalls aufgeräumt. „Wundert euch nicht, wenn euch die Welt hasst!“ Mit diesem Satz beginnt er.

Wir könnten auch sagen: Rechnet mit der Macht des Hasses. Verschließt nicht die Augen vor den schwierigen Seiten der Realität. Der Wochenspruch wäre schon eher so aufzufassen wie die Kritik des Großvaters es im Blick hatte. „Christus spricht: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ Sind die Christen eine Ansammlung von besonders belasteten Menschen, die sich Trost bei Christus versprechen, die die vollen Ansprüche an das Leben aufgegeben haben und im Glauben einen Ersatz für erfülltes, starkes Leben suchen? Dieser Verdacht ist nicht selten erhoben worden.

Die Liebe Christi wird uns heute in den Lesungstexten vorgestellt. Die nachgehende Liebe, die nicht das Liebenswerte sucht, sondern durch die Zuwendung liebenswert macht, ist in dem Gastgeber der Evangeliumslesung dargestellt; der zu seinem Fest die wenig Würdevollen einlädt, um ihnen die Chance zu geben, in der Liebe zu wachsen.

Unser Predigttext zeigt wie diese schenkende Liebe Christi voller Anspruch ist – und darum das Gegenteil von Verdummung. 1. Johannes 3, 13 – 18

„Wundert euch nicht, wenn euch die Welt haßt. Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das leben gekommen sind; denn wir lieben die Brüder. Wer nicht liebt, der bleibt im Tod. Wer seinen Bruder haßt, der ist wie ein Totschläger, und ihr wisst, dass kein Totschläger das ewige Leben bleibend in sich hat. Daran haben wir die Liebe erkannt, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder darben und schließt sein Herz vor ihm zu, wie bleibt dann die Liebe Gottes in ihm? Meine Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten und mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“

Bei der Liebe geraten wir leicht und gern ins Schwärmen, denn sie befriedigt das Gefühl, unseren Lebenshunger. Der Enthusiasmus der Liebe und die Vernunft, die nüchterne in die Tiefe gehende Betrachtung kommen zusammen. Unser Text zieht uns in den Bereich des nüchternen und klaren Gedankens. Zuerst mit der Feststellung, dass wer in der Liebe ist, mit dem Haß zu rechnen hat, sich nicht über ihn wundern soll. Der Schwung des Gefühls übersieht das gern. Im Zentrum aber steht das Gesetz der Liebe, das heißt: Liebe ruft Gegenliebe hervor. Und Liebe ist tätige Liebe.

Der kann lieben, der geliebt worden ist. Und wenn ich etwas Liebenswertes sehe, bin ich gleich zur Gegenliebe gestimmt und angestiftet. Das kennen wir als psychologischen Zusammenhang. Das Kind, das von Vater und Mutter uneigennützige Liebe erfährt, kann zu den Menschen, denen es begegnet vertrauensvolle Beziehungen aufbauen. Und umgekehrt ein Kind, dass viel Ablehnung erlitten hat, wird dies häufig zu anderen ausstrahlen. Es ist nicht nur ein psychologischer, auch ein religiöser Zusammenhang. Der Liebe zu Gott liegt die Erfahrung und Erkenntnis zugrunde, von Gott geliebt zu werden und immer schon in einem Zusammenhang des Wohlwollens zu atmen, in dem ich mich vorfinde.

In einer Predigt über die Liebe entfaltet Bernhard von Clairvaux in einem sprechenden Bild diesen Zusammenhang. Rohr oder Schale – das sind die beiden Bilder, an denen er das Wirken der Liebe entwickelt.

„Wenn du weise bist, wirst du dich als Schale, nicht als Rohr erweisen. Das Rohr nimmt fast zur gleichen Zeit auf und ergießt wieder, was es aufgenommen hat; die Schale aber wartet, bis sie voll ist, und gibt so, was überfließt, ohne eigenen Verlust weiter. Wirklich: ‚Rohre’ haben wir heute in der Kirche in großer Zahl, aber nur sehr wenige ‚Schalen’. So groß ist die Liebe derer, durch die der himmlische Strom zu uns fließt, dass sie bereitwilliger sind zu reden, als zu hören, dass sie schnell zur Hand sind zu lehren, was sie nicht gelernt haben, und danach verlangen, eine führende Stellung zu bekleiden, auch wenn sie nicht verstehen, sich selbst zu lenken. Lerne zuerst, dich von Gott anfüllen zu lassen und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott selbst.

Die Schale ahme die Quelle nach: Jene ergießt sich nicht in den Bach oder breitet sich zu einem See aus, ehe sie sich nicht an den eigenen Wassern gesättigt hat. Die Schale schäme sich nicht, dass sie nicht verschwenderischer als ihre Quelle ist. Zuerst hat sie die innersten Tiefen erfüllt, und als sie so in ihrem großen Erbarmen überströmte, hat sie sich über die Erde ergossen, sie getränkt und in Fülle bereichert.

Handle also auch du ebenso! Werde zuerst voll, danach magst du daran denken, aus deiner Fülle zu geben. Eine gütige und kluge Liebe pflegt auszuströmen, nicht zu verrinnen. Wenn du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle; wenn nicht, so schone dich.“

Auch bei Bernhard von Clairvaux finden wir einen guten Realismus, der eine Interpretation des im Johannesbrief genannten Liebe der Tat und der Wahrheit ist. Im Überschwang des Wohlgefühls sind die großen Worte leicht im Munde und verführerisch ihnen zu folgen, so dass ich meine, lehren zu können, was ich noch nicht gelernt und begriffen habe. Lieben in Tat und Wahrheit: Im Bezug auf das Wirkliche scheint Wahrheit auf in dem Blick auf mich. Was kann ich geben? Was habe ich zu geben? Und es ist der Blick auf den Anderen; wie steht er in der Welt, wie stehe ich zum Anderen Der wache und kritische Blick macht sich die Mühe das wahrzunehmen.

Der Philosoph Karl Jaspers hat für diesen Zusammenhang von Liebe und Wahrheit einen Begriff geprägt: der liebende Kampf. Ein Begriff, der scheinbar sich ausschließendes zusammenbringt. Die liebende Haltung des Wohlwollens und den Kampf. Es ist nicht irgendeine Begünstigung der Machtkämpfe in der Liebe. Er geht davon aus, dass der Kampf eine Grundsituation des Lebens ist. Durch unsere Verschiedenheit und die Begrenztheit der Mittel und Möglichkeiten stehen wir schon immer – oft unbemerkt, aber bisweilen auch ganz offen – in diesem Kampf um die bessere Lebensmöglichkeit. Mi diesem Machtkampf hat der liebende Kampf nichts zu tun. In ihm ist eine andere Dimension angesprochen: die Individualität, die Personalität. Ich werde mir deutlich, erfahre wer ich bin, indem ich mich dem anderen zeige, offen lege. Das liebende Gegenüber aber ist wirklich die andere Person

und Individualität. Das Spiel des Deutlichmachens und Klarwerdens von einem zum anderen nennt Karl Jaspers den liebenden Kampf. Das ist ein anspruchsvolles Konzept der Liebe.

Bernhard von Clairvaux gebraucht für den Zusammenhang von Liebe und Wahrheit die Bilder von Rohr und Schale. Jaspers findet einen Begriff.

Das hohe Gefühl und die schöne Begeisterung in der Liebe und das genaue Hinsehen, Einsehen der konkreten Umstände, der wirklichen Situation dürfen nicht eins dem andern geopfert werden, sondern zusammen erst zeigen sie die schönste menschliche Lebensmöglichkeit: zu lieben in Tat und Wahrheit.

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