19. Mai 2013 | Predigt

Pn Trauschke vor der Neustädter Hof- und Stadtkirche

Weil wir nun solche Hoffnung haben

Predigt von Pastorin Martina Trauschke am Pfingstsonntag am 19. Mai 2013 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche | Predigttext: 2. Korinther 3, 12- 18

Liebe pfingstliche Gemeinde!

Vor einigen Wochen war ich im Urlaub am Lago Maggiore; dort entdeckte ich eine alte Villa umgeben von einem herrlichen Park. Ich bemühte mich, Näheres über das Anwesen und seine Begründer zu erfahren. Je mehr ich erfuhr, desto spannender wurde es. Ich war durch diese Entdeckungen begeistert. Als ich wieder zurück war, wollte ich Freunden so genau wie möglich meine Begeisterung und die Gründe dafür mitteilen. Aber wie sollte ich den Hügel, die Farben des Wassers, die Luft, die Stimmung, wie sollte ich beschreiben, was mir dort aus hunderten von kleinen Eindrücken zu einer großen Erfahrung geworden war, mitteilen? Wie gelingt der Weg von der Begeisterung zur Verständigung?

In der Lesung haben wir diese wunderbare Pfingstgeschichte gehört vom Brausen des Geistes, der die Jünger so erfasste von einer ermatteten Gesellschaft zu sprühender Lebendigkeit, dass auf einmal möglich war, was so leicht scheitern kann: Verständigung zwischen Menschen verschiedener Sprache, verschiedener Herkunft, verschiedener Gewohnheiten. Täglich stehen wir davor, aber nicht täglich gelingt es. Der Predigttext aus dem zweiten Korintherbrief nimmt einen ganz anderen Weg, Spuren dieses Geistes zu zeigen.

Paulus schriebt: „ Weil wir nun solche Hoffnung haben, sind wir voll großer Zuversicht. Und tun nicht wie Mose, der eine Decke vor sein Angesicht hängte, damit die Israeliten nicht sehen könnten das Ende der Herrlichkeit, die aufhört. Aber ihre Sinne wurden verstockt. Denn bis auf den heutigen Tag bleibt diese Decke unaufgedeckt über dem alten Testament, wenn sie es lesen, weil sie nur in Christus abgetan wird. Aber bis auf den heutigen Tag, wenn Mose gelesen wird, hängt die Decke vor ihrem Herzen. Wenn Israel aber sich bekehrt zu dem Herrn, so wird die Decke abgetan.

Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel, und wir werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist.“

Sie werden mit mir übereinstimmen, dass wir einen recht schwierigen Text vor uns haben. Nicht, weil er schwer zu verstehen ist. Jedes dieser abwertenden Worte über Mose und Israel, die gesagt sind, tut uns weh. In jeder scharfen Gegenübersetzung von jüdischem Weg und christlichem Glauben hören wir die Taten des Antisemitismus mit. Das aber konnte Paulus nicht wissen, als er seinen Brief an die Gemeinde in Korinth schrieb. Er stand in Kontinuität und in offener Auseinandersetzung mit dem Judentum; damals die herrschende, überall präsente Religion. Und Paulus setzte seine Kräfte ein die kleinen christlichen Gemeinschaften zur Klarheit ihres Glaubens in Abgrenzung und Kontinuität des Judentums zu finden. Wir müssen Paulus diese Worte nicht ankreiden, wir aber können uns um ein Hören zweier Ebenen bemühen: Um den paulinischen Text und um ein Verhältnis zur jüdischen Religion, das sie aus ihrem eigenen Recht her versteht.

Der stärkste Satz in diesem Predigttext lautet:

„Der Herr ist Geist; wo aber der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.!“

Das ist ein durch und durch pfingstlicher Satz und es ist ein durch und durch evangelischer Satz. Ich vermute, dass ein großer Teil unserer Zeitgenossen einen solchen Satz nicht in der Bibel vermuten. Für viele Christen und Nicht-Christen geht Gott und Freiheit gar nicht zusammen. Sie denken, sie verlieren ihre Freiheit in der Vertrauensbindung an Gott. Denn bei Freiheit fällt uns zuerst ein: tun und lassen können, was mir gerade einfällt. Oder das Wegfallen aller Grenzen im Genuß, in der Steigerung des Reichtums und Besitzes usw.

Demnach wäre die Pfingstgemeinde eine, die sich in Exzessen auslebt. Ist sie aber nicht, wie wir wissen. Paulus behauptet, die Freiheit kommt aus der göttlichen Sphäre, aus dem Geist. Um dies der Gemeinde nahe zu bringen, bemüht er die Gestalt des Mose wie er vom Berg Sinai kommt, nachdem er in der Begegnung mit Gott die Gebote für die gute Ordnung der Gemeinschaft des Volkes erhalten hat. Von der direkten Begegnung mit Gott glänzte sein Gesicht. Darum legte er eine Decke auf sein Gesicht. Die Gottesbegegnung wird Mose stellvertretend für das ganze Volk zuteil. Nur er darf sich Gott nahen. Das Verhältnis der Vielen zu Gott ist ein vermitteltes. So jedenfalls ist die Zuspitzung in der Argumentation des Paulus.

Paulus demokratisiert die religiöse Sphäre; davon sind wir als Protestanten fest überzeugt. In religiöser Bindung entscheide ich nach meinem Gewissen. Gott ist Geist. Und wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit. Paulus öffnet den Raum ganz weit. Wir erfahren aber, das oft, wenn von und zu Gott gesprochen wird, gar keine Freiheit zu erleben ist. Einerseits gibt es eine völlige Gleichgültigkeit, Belanglosigkeit im Reden von und zu Gott, oder aber Dogmatismus, Unerbittlichkeit, Fanatismus.

In der Begegnung mit einzelnen Menschen spüren wir manchmal: in der Gegenwart dieses Menschen wird es mir weit; das ist ein freier Mensch. Das heißt, dies so weit öffnende Wort von Paulus zeigt uns auf der anderen Seite wie gefordert der Einzelne dadurch ist. Wenn wir nämlich mit dem Menschen, den wir als frei empfinden, näher ins Gespräch kommen, können wir entdecken, dass dieser an sich gearbeitet hat, es sich mit sich selbst nicht immer bequem gemacht hat, nicht immer nur seinen Launen gefolgt ist. Ein Mensch, der sich nur von dem bestimmen lässt, was von außen gerade auf ihn zu kommt, ist nicht frei. Das Äußere drängt sich uns immer auf, uns ganz zu bestimmen. Wenn ein Mensch überhaupt nur das Äußere und nichts anderes kennt, dann kann er tun und lassen, was er will; das hat etwas mit Laune zu tun, aber nicht mit Freisein.

Wenn ein Kind geboren wird, dann sind die Eltern tief beglückt. Es macht aber einen Unterschied ob ich dafür danken kann oder nicht. Ob ich nur das sehe, was geschieht oder ob ich mich an den wende, der nicht zu sehen, aber Geist ist. Wir sind bis zum Überdruß beherrscht von der Dimension der Welt, die wir selber gestalten. Wir empfinden die Abhängigkeit unseres Lebens vom Gang der wirtschaftlichen Verhältnisse. Das ist ein Sog unserer Gesellschaft. Darauf hat der Schriftsteller Peter Handke reagiert, als er schrieb: „Die Pfingstgesellschaft, wie sie den Geist empfing, stelle ich mir durch die Bank müde vor. Die Inspiration der Müdigkeit sagt weniger, was zu tun ist, als was gelassen werden kann.“

Unsere Welt, in der wir jetzt leben, drängt uns dazu unermüdliche Aktivisten zu sein. Davon ermattet, kann der Geist Gottes wehen und wirken und uns inspirieren, was wir alles lassen können. So sagt es Handke. Ich glaube, er hat Paulus verstanden: Wo der Geist Gottes ist, da

ist Freiheit. Wir sind nicht die Knechte der Welt wie sie sich uns aufdrängt. Wir können uns einfügen in die Pfingstgesellschaft um den Geist Gottes zu erwarten und ihn zu empfangen; eine Inspiration zu Gelassenheit und Freiheit.

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