9. Oktober 2011 | Predigt

Lesen Sie hier die Predigt von Hans Joachim Schliep gehalten am 9. Oktober 2011 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis, Hannover

Ev.-luth. Neustädter Hof- und Stadtkirche Hannover 16. S. n. Trin. – 09.10.2011 / 11:00 Uhr (mit Abendmahl): Threni 3,22-26.31+32

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

   Liebe Gemeinde!

   „Die Erinnerungen sehen mich“. So lautet, wie Freitag in der HAZ zu lesen war, der Titel der kurzen Autobiografie des soeben gekürten Nobelpreisträgers für Literatur, Tomas Tranströmer. 

   „Die Erinnerungen sehen mich“. Das könnte heißen: Als das mir Zu-Innerste sind sie eine Macht in mir; nicht ich wecke sie, sondern sie wecken und rufen mich. So, denke ich, haben in unser aller Hirn und Herz unzählige Erlebnisse und Eindrücke unverlierbar ihren Platz eingenommen: Erfahrungen des Glücks – Erfahrungen des Grauens, persönliche Erlebnisse und politische Ereignisse. Viele Menschen sind unter uns – hier und jetzt -, die noch von den Bildern des Zweiten Weltkriegs bis in die Träume hinein verfolgt werden. Auch die Jüngeren unter uns tragen vergleichbare Bilder in sich. Von den zahlreichen prägenden Ereignissen des Weltgeschehens, die mir unter die Haut gegangen sind, nenne ich jetzt nur zwei: Den Fall der Berliner Mauer einerseits, den Einsturz der Twin-Towers in New York andererseits.

   Ob persönlich oder politisch, alles Geschehen wirkt sich auf einzelne Menschen aus, auf Mütter und Väter, Kinder und Geschwister, Frauen und Männer. Für sie alle gilt, was Heinrich Heine einmal gesagt hat: „Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte.“ Umso mehr, wenn gar kein Grabstein errichtet werden konnte.     

   Einen politischen Hintergrund mit sehr persönlichen Folgen haben die eben schon gehörten Verse aus den Klageliedern, die dem Propheten Jeremia zugeschrieben werden. Den für heute vorgeschlagenen Predigttext lese ich jetzt noch einmal in der alten Fassung nach Luther: 

   Die Güte des Herrn ist’s, daß wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen. Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

   So klingt es über zweieinhalb Jahrtausende hinweg zu uns herüber: ein Wort des Vertrauens gegen alle Verwüstung und Verzweiflung. Doch erst einmal beginnen die Klagelieder des Jeremia, insgesamt 5 Kapitel, mit einem Seufzer: Ächa! Ach! Wehe! So das erste Wort im ersten Vers des ersten Kapitels. Darum heißt dieses biblische Buch im Jüdischen auch: Ächa! Ach! Wehe! 

   Das Buch Ächa! hat eine ganz besondere Form: Den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets, dem Alef-Bet entsprechend und folgend, bestehen die Kapitel 1 und 2 aus jeweils 22 Versen, von denen beginnt jeder Vers mit dem jeweils folgenden Buchstaben aus dem Alef-Bet, vom Alef bis zum Zade. Das 3. Kapitel hat dann 66 Verse, von denen – ebenfalls der Buchstabenreihe des Alef-Bet folgend – jeweils 3 mit demselben Buchstaben anfangen: Chet, Chet, Chet (dt.: ch) – Tet, Tet, Tet (dt.: t) – Yod, Yod, Yod (dt.: j) – Kaf, Kaf, Kaf (dt.: k). Das können Sie ausschnitthaft an unserem Predigttext erkennen, wie er auf dem Gottesdienstbegleiter ausgedruckt ist.

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   Hier ist also ein tief bewegendes, markerschütterndes Klagelied in ein sprachliches Gleichmaß gefasst. Soll durch diese Form das Unfassliche fassbar gemacht werden? Soll etwas geschönt werden, um nachfolgende Generationen vor der Erinnerung ihres Volkes zu verschonen? 

   Das Gegenteil ist der Fall. Das ganze Volk Israel soll für alle Zeiten sagen können: „Die Erinnerungen sehen uns; nicht wir wecken sie, sondern sie rufen uns wach.“ Beklagt wird ja, dass in den Jahren 597 und 587 vor Christus die Stadt Jerusalem und ihr Tempel zerstört und große Bevölkerungsteile nach Babylon verschleppt wurden. Damit lag der Staat Juda am Boden, in den Staub gedrückt, von toten Leibern übersät, nur noch von den Ärmsten der Armen besiedelt, ohne Hoffnung auf Wiederherstellung. Dieser Nullpunkt, diese Katastrophe ist in den Klageliedern des Jeremia in solchem Ach und Weh ausgedrückt, dass es jedem auf Erden wie im Himmel die Ohren zerreißt. Die Wildheit der Schmerzen und die Schroffheit der Klage sucht sich immer wieder neue Worte, durch das ganze Alef-Bet hindurch. 

   So bildet sich, wie mir scheint, noch in der wildesten Verstörung ein Ausdruck, d. h. auch eine Form. Gerade das Wildeste und Horrendeste, mit dem sich Menschen, mit dem wir uns niemals abfinden, das wir niemals fasslich und handhabbar machen dürfen und können, braucht die Fassung, die Form. Nur so kann es sich im Gedächtnis eingraben. Nur so bleibt es unvergessen. Nur so wird es auch kommenden Generationen zuinnerst. Das ist nötig. Wer nämlich die Erinnerung verliert, hat die Zukunft bereits verspielt, bevor sie begonnen hat. Das Verdrängteste wuchert sich insgeheim zum Gegenwärtigsten aus. Darum dürfen auch die Schrecken der Geschichte nicht vergessen werden.

   Ein Weiteres kommt hinzu, liebe Gemeinde. Wer der Buchstabenreihe folgt, findet im Schatz der Sprache plötzlich andere Wörter. Inmitten der Klageworte stellen sich Hoffnungsworte ein. Plötzlich heißt es nämlich: Die Güte des Herrn ist’s, daß wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Diese Worte legen sich wie von selbst auf die Zunge dessen, der sich erinnert. Sie lassen ihn noch etwas anderes wahrnehmen als das unvorstellbare Dunkel. Sie wecken das verborgene Licht in ihm, das ihm – wie im Strahl der Morgensonne – ja auch zuinnerst geworden ist. Wo wir wirklich dem Unfassbaren und Unverfügbaren begegnen, wo die Wirklichkeit Gottes ganz in unser Leben tritt, finden wir uns in den Worten des Jubels wie der Trauer vor. Die Form, mit der die Erinnerung uns sieht, kann eine Bindung schaffen, die uns aus den Fesseln unserer Traumata und schlechten Träume befreit. Wie in moderner Kunst im Harmonischen wie im Disharmonischen, im Schönen wie im Schrecklichen das Unbeschreibliche, Unsagbare eine Form findet und diese Form zugleich zerbricht.    

   Dadurch wird es in den Klageliedern des Jeremia möglich, dass – wie in den Psalmen und in der Hiob-Dichtung – zu Ende gesprochen wird, was nicht das letzte Wort behalten darf. Der Trauerforscher Jorgos Canacakis hat an den Riten z. B. des Mani-Stammes beobachtet, wie ihr Trauern bis zur letzten Träne sie hineinverwandelt in neue Lebenskraft. Die Traurigkeit hängt uns so lange in den Kleidern, bis wir wirklich alles vor Gott ausgesprochen und das Gute wie dessen Gegenteil aus einer, Seiner Hand genommen haben! Gerade dieses Zuendesprechen ruft eine Erfahrung, ein Wort des Anfangs hervor, nach dem nicht wir greifen, sondern dass uns ergreift: …seine Barmherzigkeit … ist alle Morgen neu. Ja, Gottes Verlässlichkeit wird in der Zuverlässigkeit der Naturgesetze erkannt, weil nur die Macht wirklich Neues bewirken kann, die das Ur-Chaos zu bannen und Welt und Leben hervorzurufen vermochte. 

   „In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tags…“, heißt es in einem neuen Lied. Wer auch immer die Klagelieder des Jeremia verfasst hat, auch in der Nacht, auch in Gottesfinsternis weiß diese Person sich vor dem Angesicht Gottes. Vorher und nachher wieder in den Klageliedern wird alles Unglück, alles Unheil, alles Verbrechen und Verderben schonungslos und uneingeschränkt zurückgeführt auf  – ja, ich fasse es nicht: auf Gott. Gott selbst ist Urheber der Katastrophe, die über Israel hereingebrochen ist.

   Liebe Gemeinde! Ich möchte jetzt niemanden überreden, diese Haltung zu übernehmen. Ich nehme jetzt nur erstaunt wahr: Nach biblischem Zeugnis gibt es eine Verbundenheit mit Gott, die  außerstande ist, etwas außerhalb Gottes zu sehen. Das Beste, Schönste und Höchste, das Schrecklichste, Furchtbarste und Allerletzte: alles, alles hat mit Gott zu tun. Die Nacht erleben, erleiden zu müssen, heißt zugleich, auch auf den Morgen vertrauen zu können. Wer sich so – ganz und gar – in der Welt Gottes weiß und sich der Wirklichkeit Gottes aussetzt, ist keinem namenlosen  Schicksal unterworfen, das weder Opfer noch Täter kennt, sondern einfach nur gleichgültig ist! Vor Gott haben beide einen Namen und ein Gesicht. 

   In diesem verbundenen Gegenüber von Mensch und Gott ist es dann offenbar auch möglich, den eigenen Anteil in all dem Geschehen zu erkennen. Denn die Babylonier haben Jerusalem niedergemacht, weil der Mini-Staat Juda, nur vermeintlich gestützt auf das große Ägypten im Westen, mit Muskeln spielte, die er gar nicht hatten – und diese nur erträumte Stärke wurde noch religiös verbrämt und aufgeputzt. Der Prophet Jeremia hat dieses Verhalten gebrandmarkt – als Ausdruck innerer Unordnung, in der niemand von Gottes Stimme wirklich Notiz nahm. In der rückhaltlosen Klage vor Gott, in dieser neuen, radikalen Hinwendung zu Gott werden die Folgen des eigenen schuldhaften Handelns erkannt – und im Kern überwunden: Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte. 

   So verkommt, nicht zuletzt mit Hilfe der Form, die Erinnerung weder zum Gerede und Gejammer noch lässt sie in apathisches Schweigen versinken, die eigene Schuld leugnen oder auf Revanche sinnen.     

   Und so geht es weder darum, anderen dauernd ihr historisches Versagen vorzuhalten, noch darum, alles unter den Teppich zu kehren. Es geht darum, die beiden Seiten des Lebens auszuhalten, beiden das jeweilige Recht zu lassen: neben den Bildern des Schreckens auch die Bilder der öffentlich bezeugten Freude zur Geltung kommen zu lassen, z. B. vom Fall der Berliner Mauer. Es geht darum, einen Zuwachs an Kraft zuzulassen, der aus einer Macht kommt, die größer ist als wir selbst: Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen. 

   Im Sinne der Bibel ist Geduld der lange Atem der Leidenschaft. Leidenschaft, die das Gute im Blick hat: das Recht, den Frieden, das Leben selbst, die Lebensrechte kommender Generationen – und deren Quelle die Güte ist:

   Die Güte des Herrn ist’s, daß wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende… Der Wahrheit dieses Wortes werde ich im Letzten nur gewiss werden im Angesicht dessen, der sich für uns Menschen dahingegeben hat. In dessen Schmerz ist Gott selbst mir nahe, wird unser menschlicher Schmerz zum Schmerz Gottes. Seit Jesu Sterben und Auferstehen hat der Tod noch Macht, aber kein Recht mehr – und wir sind berufen, wo er aus Menschenhand kommt, ihm die Stirn zu bieten und nicht den Nacken. 

    FürIsrael zeigt sich Gottes Teilnahme am Leben in der Heimkehr der Verbannten: dass sie wieder Heimat haben und ihre Tage erneuert werden, ihnen also die Zukunft offen steht, wobei die Rückkehr zu Gott der Heimkehr vorausgeht: Bringe uns, Herr, zu dir zurück, daß wir wieder heimkommen; erneure unsre Tage wie vor alters. (Klgl 5,21) So der vorletzte Vers der Klagelieder, Kapitel 5 Vers 21. Auch Kapitel 5 hat 22 Verse, von denen jeder mit einem anderen Buchstaben des Alef-Bet beginnt, aber in unregelmäßiger Reihenfolge. Diese offene Ordnung deute ich so: Es bleibt offen und muss offen bleiben, wie Gott das Leben erneuert. Die Zukunft ist in Gottes Hand. 

   Übrigens haben wir in der evangelischen Jugend diesen Vers gerne als Abendkanon gesungen. Vielleicht erinnert sich auch jemand von Ihnen daran: 

   haschivenu [:I] adonaj elecha, winaschuva [:I] chadesch [:I] jamenu kekädäm: Bringe uns, Herr, zu dir zurück, daß wir wieder heimkommen; erneure unsre Tage wie vor alters. Amen.

Und der Friede Gottes,

der höher ist als alle menschliche Vernunft,

bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Hans Joachim Schliep / 09.10.2011

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