3. April 2011 | Predigt

Predigt Sonntag Lätare, 3. April 2011, 17 Uhr

Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis Hannover 

Gottesdienst in der Reihe „Bach um Fünf“

Joh. Seb. Bach: „Jesus, meine Freude“ (Motette)

Text: Johannes 12, 20-26 (Die Ankündigung de Verherrlichung) 

Text aus Johannes 12, Verse 20-26: 

Die Ankündigung der Verherrlichung

20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest.

21 Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen.

22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen’s Jesus weiter.

23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.

24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

25 Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben. 

26 Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Liebe Gemeinde,

in einem Artikel des renommierten Wochenblattes „DIE ZEIT“ wird dieser Tage am Ende eines Beitrags zur Katastrophe in Fukushima/Japan der Schriftsteller Robert Musil wie folgt zitiert: (Zeit Nr. 13, 24.3.2011, S. 5)

„Der Traurige sieht schwarz und straft mit Nichtachtung, was es aufhellen könnte; dem Heiteren leuchtet die Welt, und er ist nicht imstande, etwas wahrzunehmen, wovon das gestört werden könnte; dem Liebenden begegnen die bösesten Wesen mit Vertrauen; und der Argwöhnische findet nicht nur sein Misstrauen allerorten bestätigt, sondern die Bestätigungen suchen ihn geradezu heim. Auf diese Art schafft sich jedes Gefühl, wenn es eine gewisse Stärke und Dauer erlangt, eine ausgewählte und anzügliche, seine eigene Welt.“

„Alles lauter Fallen“ schließt der Wissenschaftsjournalist Gero von Randow seinen Beitrag. „Alles lauter Fallen; in eine war ich getappt.“

Liebe Gemeinde, kaum etwas bewegt die denkende Menschheit hierzulande und weltweit seit drei Wochen so sehr wie der Tsunami vor der japanischen Küste mit seinen verheerenden Folgen. Mit zuvor unvorstellbaren Folgen für dieses dichtbesiedelte Land und seine hochentwickelte Kultur und Leistungsfähigkeit. Mit einem Mal wird deutlich, was eigentlich schon immer jedermann wissen kann: die Kräfte des Kosmos – Christen würden sagen: die Kräfte der Schöpfung – sind so mächtig und bei aller Kunst der Berechnung letztlich so unbeherrschbar, dass unser kleiner blauer Planet durchgerüttelt und geschüttelt werden kann wie eine Nußschale in stürmischer See. Nichts kann uns halten. Was für eine geheimnisvolle, wunderbare Ordnung, dass wir überhaupt leben.

Tobe, Welt, und springe; ich steht hier und singe in gar sichrer Ruh!

Wenn man nicht wüsste, dass der Text des Chorals „Jesu, meine Freude“ – und damit der Text der heute erklingenden Motette Johann Sebastian Bachs – angesichts der Schrecken des 30jährigen Krieges geschrieben wurde, müsste man den Autor, den Ratsherrn Johann Franck, für naiv erklären. Wie kann man das schreiben, wie kann man so glauben, angesichts unvorstellbarer Gräuel und Verheerungen?

Darf man so singen in Deutschland, wo ja – man hat es uns oft gesagt in diesen Tagen – kein Tsunami droht oder vergleichbares? Darf man so singen angesichts der Verwüstungen zur gleichen Zeit auf der anderen Seite der Erde? Kann der Mensch überhaupt solches glauben? Ist uns geholfen, wenn man so die Welt betrachtet? 

Tobe, Welt, und springe; ich steht hier und singe in gar sichrer Ruh!

Halten wir zunächst fest, liebe Gemeinde, liebe Choristen, die Ihr uns ja heute diese schier unglaubliche Botschaft musiziert, halten wir zunächst fest, dass auch schon der Ratsherr Johann Franck im 17. Jahrhundert, wie der Apostel Paulus zur Zeitenwende, und mit ihnen all die Männer und Frauen aller Generationen der Menschheitsgeschichte hinreichend viel wussten über die Welt, genau wie wir Heutigen. Sie waren nicht weniger klug und das Denken in Bildern ihrer Zeit war nicht weniger bedeutsam all das unsrige im 21. Jahrhundert. 

Dass man Geister rufen kann mit herausfordernder Gebärde, und hinterher will man sie voller Verzweiflung wieder loswerden, wusste nicht erst der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe. Davon sprachen in vergleichbarer Klarheit schon die alten Griechen.

Dass die Welt voller Versuchungen und Fallen steckt, dazu kann man nicht nur den klugen Autor Robert Musil zitieren, davon handelt schon das Neue Testament.

Ach, wie lang, ach lange ist dem Herzen bange und verlangt nach dir.

Zwar sind der Gegenstand und das Ziel der Sehnsucht manchem kulturellen und religiösen Wandel ausgesetzt, aber dass solches Verlangen und Sehnen dem Menschen eigen und gar seinem Geworfensein in die Welt angemessen ist – wer wollte es bestreiten?

So werden wir also heute erinnert, und lassen uns erinnern, indem wir dem Werk eines der größten Künstler aller Zeiten lauschen und es aufführen, wie der christliche Glaube sich positioniert in den Erscheinungen der Welt und zu den Fragen, die sich in ihr auftun.

Der christliche Glaube greift nach einem Grund des Vertrauens und der Geborgenheit. Er tut das nicht leichtfertig – Paulus wird nicht müde, gerade das zu betonen und theologisch zu entfalten -, sondern mit gewichtigem, mit schmerzlichem Grund. Der christliche Glaube lehrt und singt, betet und fleht, und stimmt es immer wieder neu an, dass dieser Grund des Vertrauens und der Geborgenheit durchs Leiden geht. So zu glauben, muss durch den Tod. Deshalb feiern wir Passion. So zu glauben, wird das Leben nicht festhalten können.

Weil wir es tatsächlich nicht festhalten können. Auch wir werden es verlieren, wie ein Weizenkorn, das in die Erde fällt.

Nicht nur die abertausend Toten des Tsunami konnten wir und konnte keine Macht der Erde festhalten im Leben, auch unsere Liebsten, an deren Sterbebett wir sitzen, können wir nicht im Leben halten. Menschen können nicht im Leben halten. Im wahrsten Sinne des Wortes können wir nicht im Leben halten. Spätestens an der Grenze des Todes müssen wir zurückweichen und zurückbleiben.

Menschen – wir alle also – können bestenfalls dem Leben, solange es gewährt und geschenkt ist, Liebe geben und gerade meinen kleinen Glanz. Wir können uns mit einem Lächeln beschenken lassen und der Glut der Zärtlichkeit, mit dem Trost einer Umarmung und der Hoffnungskraft einer Ermutigung. Und wir können gerade das weitergeben. Empfangen und Geben. Mehr ist uns nicht gewährt.

Deshalb:

Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier.

Wie du, Jesus, glauben an einen gnädigen Vater im Himmel, einen Gott, der mir nicht nur mit rätselhafter, ungebändigter Macht und kosmischer Gewalt begegnet – so aber auch, das war den Schreibern der biblischen Bücher immer klar, so ungestüm und unberechenbar auch! – sondern wie Du, mein Jesus, glauben, dass dieser Gott Himmels und der Erde mir wie eine wunderbar liebevolle Mutter entgegenkommt und ein mich ganz und gar liebender Vater.

Glauben, dass ich gehalten bin im Leben und Sterben. Nicht tiefer fallen kann, als in Gottes Hand. Dass ich am Ende der Zeit nicht in eine finstere, kalte Dimension gestoßen werde, sondern in die bergenden Hände meines Gottes.

Gibt es einen vernünftigen Grund, das zu glauben, liebe Gemeinde? Nein. So wenig, wie es einen vernünftigen Grund gibt, die Sinnlosigkeit zu glauben, und daran, dass mein Leben nichtsnutziger Zufall in einem gigantischen Kosmos unbegreiflicher Zufälle ist.

Es gibt keine vernünftigen Gründe, das eine oder das andere zu behaupten. Es gibt für uns nur diese eine faszinierende Geschichte des biblischen Gotteswortes, die uns eins ums andere Mal kluge und provozierende Bilder des Glaubens anbietet.

Eines der schönsten Glaubensbilder, das auch noch summt und klingt und von uns gesungen werden kann in Ewigkeit, ist das Bild des getrösteten Menschen. 

Dieser Gottesdienst tut nichts anderes, als es vom ersten Ton an und bis zum letzten Wort zu gestalten: das Bild vom getrösteten Menschen. Das meint: Wir sind nicht alleine Geschöpfe des Ewigen, geworfen in Welt und Zeit, mit Atem und Puls begabt wie jedes Menschenkind, sondern wir sind auch, zuerst und zuletzt, hinein getauft in einen wunderbaren Glauben. Wir tragen den Namen Christi. Von ihm wird uns erzählt, sein Leben gleiche dem Weizenkorn. Sein Leiden und Sterben berge die Frucht des Lebens in sich. Von dieser Frucht zu essen im heiligen Mahl, an seinem Glauben Anteil zu haben, in seinen Glauben und sein Gottesreich hinein getauft zu sein gebe auch uns Leben.

Daran halten wir uns fest. Ob wir es immer verstehen und begreifen – manchmal zweifeln wir auch, wie Petrus auf dem Wasser. Aber wir sind und bleiben gehalten.

Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein.

Denn der Traurige im Glauben sieht nicht schwarz, sondern tastet wie Thomas nach der Botschaft von Ostern.

Der Heitere im Glauben lässt sich täglich stören durch den Anblick des gekreuzigten Lebens.

Der Argwöhnische wird überwältigt von Gottvertrauen.

Der Liebende aber, darin hat Musil recht, denn diesen Satz ergänzt er durch keine Brechung, der Liebende aber sät mit Christus das Weizenkorn des Vertrauens noch gegen das Böseste der Welt.

Das dürfen wir glauben. Amen

Und der Friede Gottes…

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