20. Februar 2011 | Predigt

Noch mehr mag verwundern, dass ich für die Predigtreihe „Protestantische Profile – Predigten zur Literatur“ ein Gedicht von Rose Ausländer ausgesucht habe.1 Es liegt mir fern, diese bedeutende jüdische Lyrikerin christlich zu vereinnahmen. Aber ich kann mir nicht helfen: Immer wenn ich ihre Gedichte lese, habe ich den Eindruck, ganz nahe herangeführt zu werden an Kern und Stern des christlichen Glaubens protestantischer Prägung. An die „Rechtfertigung allein aus Gnaden“, von der Luther gesprochen hat: der Artikel, mit dem unsere Kirche steht und fällt. In der Tat atmen diese Worte für mich reformatorischen Geist: Mit dem Akazienduft / fliegt der Frühling / in dein Erstaunen. Sie flößen mir diese eine entscheidende Grunderkenntnis gleichsam ein: Ich lebe von dem, dem ich mich verdanke, sodass ich nur noch staunen kann. Die Reformatoren sprachen vom Evangelium als vom „extra nos“ und „pro nobis“: von dem, was von außerhalb unserer selbst auf uns zukommt, für uns da ist und so zu dem werden lässt, was wir sind.