5. Dezember 2010, 2. Advent | Predigt

Pn Trauschke vor der Neustädter Hof- und Stadtkirche

Predigt am 2. Advent 2010 „Bach um fünf“

Predigt am 2. Advent 2010 „Bach um fünf“ in der Neustädter Hof- und Stadtkirche von Pastorin Martina Trauschke

Erhebet eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!

Liebe adventliche Gemeinde!

Unter dem Eindruck der gerade gehörten Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“ sind wir erhoben zur Freude und zur Heiterkeit. Eine Freude, in der die Seele zur Ruhe kommen kann. Alles andere, mit dem wir in Gedanken und im Gefühl hierher gekommen sind, tritt zurück in eine größere Distanz und wird überzogen von dieser reinen Freude. „Alles, was Atem hat, lobe den Herrn, Halleluja“

Das ist die verwandelnde Kraft des Glaubens, von der Johann Sebastian Bach so viel verstanden hat, und die er nicht müde wurde in seiner Musik mitzuteilen. Sein staunenswerter Reichtum an immer neuen Einfällen, diese Haltung durch die der Glaube unser Dasein zur Freude erhöht in Melodien und Harmonien Klang werden zu lassen. Kein Geringerer in Sachen Musik als Mozart war von diesem Eindruck nach den ersten Takten der Motette sofort wir elektrisiert. Das kam so: 1789 – gut sechzig Jahre nachdem Bach die Motette komponiert hatte – reiste Mozart von Wien nach Leipzig und besuchte die Thomasschule. Mozart kannte die Bachsche Musik mehr vom Hörensagen, denn die Aufführung seiner Werke war selten geworden. Die Thomaner sollten sich vorstellen und taten dies mit dieser Motette.

„Kaum hatte der Chor einige Takte gesungen, so stutzte Mozart – noch einige Takte, da rief er: Was ist das? Und nun schien seine ganze Seele in den Ohren zu sein. Als der Gesang beendet war, rief er voll Freude: Das ist doch einmal etwas, woraus sich was lernen lässt!“ So ist es aus Mozarts Leben überliefert worden. ( von Rochlitz )

Auch wenn für uns die Bachschen Klänge zum festen Repertoire unserer Hörgewohnheiten gehören, ist ihre Wirkung unvermindert. Die reine Freude -! Vor der Motette haben wir das Evangelium gehört mit seinen apokalyptischen Tönen passt es nicht gut in unsere Adventserwartungen. Apokalyptik und reine Freude – was für ein krasser Gegensatz.

„Jesus sprach zu seinen Jüngern: Es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte des Himmels werden ins Wanken kommen.“

Die Nachrichtenbilder von Erd- und Seebeben, vom aktiven indonesischen Vulkan, die Berichte und die Debatten über die Erderwärmung; über die Gründe und über die Schritte die drohende Gefahr so klein wir möglich zu halten; die Ängste vor einer Klimakatastrophe sitzen nah unter der Oberfläche. Außergewöhnliche Sommer- oder Wintertemperaturen rühren an unsere Angst vor der Erschütterung der natürlichen  Ordnung, die unser Leben auf der Erde trägt. Einen solchen Winter wie den vergangenen haben wir gar nicht mehr für möglich gehalten und jetzt scheint der kommende wieder ein richtiger zu werden.

„Und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen.“ Ja, das sind wir. Das ist unsere Furcht vor der Zukunft. Am vergangenen Donnerstag hatte ich ein Gespräch mit acht Jugendlichen aus dem Abitursjahrgang. Sie haben in unserer Kirche am 14. November, dem Todestag von G.W. Leibniz, ein Theaterstück mit großem Engagement aufgeführt. Ich habe mich bei ihnen bedankt, indem ich sie zum Essen eingeladen habe. Dabei sind wir auf das Wunderbarste ins Gespräch gekommen. Zum Schluß sprachen wir über die Berufswünsche und zum Teil schon konkreten Pläne nach dem Abitur. Am Ende war ich ganz betroffen, als die begabtesten Schüler und Schülerinnen mit den interessantesten Pläne ihr Studium so einrichten wollten, dass sie anschließend gute Chancen haben, um auszuwandern. Das hat schockiert. Natürlich kennen wir das aus den Nachrichten. Deutschland hat ein Problem qualifizierte junge Leute zu halten. In dieser Begegnung aber war es wie ein Schock, weil gelingende schöne Zusammenarbeit und die Abkehr, weil die jungen Leute sich in den USA oder Kanada bessere Chancen ausrechnen, so aufeinander trafen. Ich dachte: Die werden wir vermissen. Was sind die Gründe?

Möglicherweise sind es überhaupt nicht bestimmte Probleme der Gesellschaft, denn die sind woanders nicht eben geringer. Möglicherweise ist es ja überhaupt ein Irrglaube, dass eine problembefreite Lage für junge Leute attraktiv sei. Möglicherweise ist es eher die Haltung, die wir zu den uns bedrängenden Problemen einnehmen. Ein Blick in den Evangeliumstext sagt zweierlei. Wundert euch nicht über eure Furcht angesichts der Lage. Vielmehr rechnet damit, dass euer Leben in der Welt euch Angst macht. Aber dann geht es so weiter: „Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“

Christen sind Menschen, die in ihrer Angst, die sie erfüllt, sich nicht so sehr erschrecken lassen, dass sie alles andere vergessen. Die Angst fühlend seht auf, richtet euren Blick auf. Unser Leben in der Welt steht in dieser starken Spannung: die Sorgen im Kleinen, die Bedrängnisse im Großen sind jeden Tag auszuhalten, durchzustehen, zu bearbeiten, zu überwinden, aber nie müssen wir ganz in ihnen aufgehen. Immer erinnert uns die Gegenwart des Heiligen Geistes oder Nähe Gottes oder das Bild Jesu, dass wir mitten in der Sorge den Blick heben können und uns erheben können zu der reinen Freude, die aus der Motette nachklingt.

Christliches Leben ist Leben in dieser starken Spannung. Johann Sebastian Bach hat in seiner Musik den Durchgang durch und das Aushalten der Spannung in den vielen Farben des Lebens musikalisch gestaltet und zu der Auflösung oder Erlösung gebracht, die der Geist Gottes uns gewährt. Beim Hören der Motette im Anfangs- und im Schlusschor versinkt die Welt der Unruhe, der Sorge und des Leides und unser Inneres kann einen Dialog aufnehmen mit dem wunderbaren Friede und der heiteren Freude, die Bach nicht müde wurde in seiner Musik mitzuteilen.

Die Antwort des Glaubens auf die Furcht ist der erhobene Blick und die Freude. Daraus wächst der Mut dann das zu tun, was getan werden kann. Unsere Kinder und Jugendlichen spüren, ob es diesen Glauben, diese Freude und diesen Mut unter uns gibt. Nehmt die Freude mit, die euch hinaushebt über alles, was war und was ist und was kommt. 

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