7. November 2010 | Predigt

Lesen Sie hier die Predigt, die Landessuperintendentin i.R. Oda-Gebbine Holze-Stäblein am 7. November 2010 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche gehalten hat.

Predigt über Römer 14, 7-9

7. November 2010 – drittletzter Sonntag im Kirchenjahr – 

Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis

Reihe „Bach um fünf“

7 Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.

 8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.

 9 Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen

Liebe Gemeinde!

Nur ein paar Schritte von hier, im Historischen Museum, ist eine Ausstellung zu sehen, die den Titel trägt „Über das Leben hinaus“. Sie nimmt den Betrachter mit auf einen Gang über die hannoverschen Friedhöfe, ihre Geschichte, ihre besonderen Grabmale und zu den bedeutenden Bürgern dieser Stadt, die dort begraben liegen. In dieser Ausstellung gibt es noch eine andere. Sie trägt die Überschrift „Noch mal leben vor dem Tod“. Es ist eine Sammlung von großformatigen schwarzweißen Fotos, die alle in einem Hamburger Hospiz gemacht wurden. Menschen, die dort die letzten Tage und Wochen ihres Lebens verbracht haben und dort gestorben sind, sind von einem Fotografen kurz vor ihrem Tod und kurz nach ihrem Tod fotografiert worden, selbstverständlich mit ihrer vorherigen Einwilligung, und das Fotografieren der Lebenden war eingebettet in längere Gespräche mit dem Fotografen. – Und nun sieht man in diese Gesichter, Gesichter von Menschen, die wissen, dass sie sterben werden; und dann, rechts daneben, die Gesichter dieser Menschen, nachdem sie gestorben sind. – Die Zeitung hatte über diese Ausstellung berichtet, und am Donnerstag bin ich da gewesen. Ein bisschen beklommen war mir zumute. Ich habe schon tote Menschen gesehen: Angehörige, Freunde, war auch beim Sterben von Menschen dabei. Dennoch: ich wusste nicht im Voraus, wie es mir mit diesen Bildern gehen würde.

Es ist schon nach 16 Uhr. Um 17 Uhr wird das Museum schließen. Wenige, fast nur junge Menschen gehen wie ich von Bild zu Bild, verweilen lange, lesen die Namen und die kurzen Lebensläufe. Es ist ganz still, als wäre man in einer Kirche oder als beträte man eine Friedhofskapelle kurz vor Beginn der Trauerfeier. Nach einer Weile des Betrachtens merke ich, wie sich in mir dieser Klumpen aus Angst, Scheu, schlechtem Gewissen, – darf man einem Toten so ins Gesicht sehen, ihn gar fotografieren? – allmählich löst. Es stellt sich so etwas wie Ruhe, ja, Ehrfurcht ein. Was sehe ich? 

Es sind vor allem die Augen der noch Lebenden, die sprechen. ‚Die Seele des Menschen schaut aus seinen Augen’, denke ich beim Betrachten. Nichts von dem, was sonst einen Menschen bestimmt, ist mehr da: wie man sich spiegelt im Blick eines andern; sich irgendwie präsentieren will, so, wie man gerne gesehen werden möchte; der Wunsch schön sein wollen, das Schauspielern, Masken tragen; aber auch: das Gesicht als Spiegel der Emotionen und der Einstellung zu andern: Angst, Zorn, Glück, Spott, Häme, Arroganz, überlegen sein wollen, fürsorglich sein; was so alles zu lesen ist in unseren Gesichtern. Das ist alles weg. Hier schaut ein Mensch unverwandt und unverstellt und ganz präsent. „Hier bin ich, und ich bin  am Leben“, sagt der Blick. Aber auch das andere ist sichtbar: „Ich weiß, dass ich sterben werde.“ Nicht irgendwann, nach dem Motto „Alle Menschen müssen sterben“, wo wir ja heimlich immer hinzufügen: ‚Aber ich noch lange nicht.’ Hier sagen die Augen: „Es ist bald so weit. Ich bin an der Reihe. Mein Tod wartet auf mich. Mein Tod nimmt allmählich Gestalt an.“ 

Sind sie abgeklärt, diese Menschen? Manche ja, nehmen mit großer Ruhe ihr Sterben, ihren Tod an. Andere haben im Gespräch mit dem Fotografen auch Anspannung und Angst geäußert, aber auch Neugier: Wie wird es sein? Auf den Gesichtern ist davon fast nichts zu sehen. Auch kaum etwas von den erlittenen Schmerzen auf dem Weg durch die Krankheit, bis zu diesem Augenblick. Nur in den Augen der Kinder sind man etwas von den Qualen, die sie durchgemacht haben. – Die meisten dieser  Menschen sind sie selbst, in großer Klarheit. Sie sind im Frieden mit sich selbst, mit ihrem Leben, so, wie es war. Sie begegnen sich selbst, ihrer Wahrheit. Nichts Heroisches, nichts Trauriges, nichts Klagendes. Es ist der Mensch, der uns aus diesen Bildern ansieht. Nicht mehr und nicht weniger. Vollkommen, auch im Fragment. Schön in seinem Menschsein.

Und dann die Bilder der Verstorbenen. Bei einigen ist der Kopf ein wenig zur Seite gesunken, wie wenn einer über der Lektüre eines Buches für einen Moment eingeschlafen ist. Es ist nicht von ungefähr, dass mir beim Betrachten Verse aus der Passionsgeschichte des Johannesevangeliums in den Sinn kommen: „… Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied“ (Johannes 19, 30). – Ausruhen nach der lange Anstrengung des Lebens. Gelöst. Auch erlöst. Im Frieden. Manches Gesicht, in das sich tiefe Falten eingegraben hatten, ist im Tod glatt geworden. Nur die Andeutung eines Lächelns ist manchmal zu sehen. Aber es ist auch etwas Unnahbares dabei: „Ich verrate dir das Geheimnis nicht.“ Einkehr an einem Ort oder bei jemandem? Nein, das Geheimnis wird nicht gelüftet. Und auch hier gilt: sie sind schön.

Es sind Menschen unterschiedlichen Glaubens, denen ich begegne. Christen, Muslime, eine Buddhistin, Agnostiker, Realisten. Menschen, die Erfolg gehabt haben, und andere, die eher das Gefühl haben, gescheitert zu sein. Sehr alte Menschen; Menschen auf der Höhe ihres Lebens; junge Menschen und Kinder. Solche, die geglänzt haben, und andere, die vom Leben geprügelt worden sind. Sie bringen sich selbst mit in diesen Augenblick, in ihr Sterben. Nichts ist ausgelöscht; es ist alles da. Aber das Leid, das Geschrei, die Tränen: das scheint hinter ihnen zu liegen. – Wir hören noch einmal den Predigttext:

 7…. unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.

 8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.

 9 Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

Liebe Gemeinde, viele von Ihnen werden diese Verse aus dem Römerbrief kennen und persönliche Erinnerungen mit ihnen verbinden. Sie sind Teil unserer christlichen Begräbnisliturgie und werden gesprochen, nachdem der Sarg in die Gruft hinab gelassen worden ist, für die Angehörigen sicher der bitterste Augenblick. Hunderte von Malen habe ich selbst diese Worte in diesem Augenblick gesprochen. Und manchmal habe ich fast körperlich gespürt, was für eine Zumutung diese Verse für die Angehörigen waren. Sie sind ein gewaltiger Widerspruch gegen alles, was Menschen in einem solchen Augenblick am Grab durchmachen. 

Man sieht es den Gesichtern in dieser Ausstellung nicht an, ob und was einer oder eine geglaubt hat. Da liegt nicht mehr oder weniger Trost und Frieden auf ihren Gesichtern. „Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber“: Das ist eine Wahrheit, die hinter den Bildern liegt. Eine verborgene Wahrheit. Nicht für uns von einem Foto abzurufen, dennoch vorhanden. Das ganze Leben eines Menschen – so glauben wir – ist doch ein lebenslanges Gespräch mit dieser Wahrheit, mit dem Unbedingten, mit Gott. Ein Gespräch, mitunter auch eine Auseinandersetzung, auch ein Streit, auch ein Ausweichen und sich Verstecken-Wollen. Auch ein Suchen und Herantasten, ein Wiederaufnehmen des Gesprächs nach langem Schweigen. Und immer wieder auch ein Lieben und Loben und Dankstammeln vor lauter Lebensglück. Wir sehen es den Bildern nicht an, ob einer das für sich nachsprechen konnte: Lebe ich, so lebe ich dem Herrn, sterbe ich, so sterbe ich dem Herrn. Oder ob er gesagt hat: Ich möchte mein Leben für mich. Möchte ich selbst sein dürfen. Nicht von anderen bestimmt, gegängelt, gelebt werden. Mein Leben: Gott, gib mir die Gnade, mein Leben zu leben! Und wir sehen es auch diesen Bildern nicht an, ob sich einer ein Leben lang vor diesem Gott und seiner vermeintlichen Härte gefürchtet hat oder ob einer zu der Einsicht kam, dass das Herr-Sein Gottes keine Drohgebärde über unserem Leben ist, keine Unterdrückung aller schönen Lebenstriebe, sondern Hingabe, Liebe, sich uns zueignen-Wollen. „Fürchte dich nicht, ich bin bei dir, weiche nicht, denn ich bin dein Gott“: wir haben das von Bach vertonte Jesaja-Wort ja gesungen gehört. Paul Gerhardt hat es im schönsten aller Weihnachtslieder so gesagt:

Als ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren, 

und hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt, erkoren. 

          Eh ich durch deine Hand gemacht, 

         da hast du schon bei dir bedacht, 

         wie du mein wolltest werden.

 (Ich steh an deiner Krippen hier, EG 37, Vers 2)

Wir sind wir selbst und haben in unserem Leben das Recht, wir selbst sein zu wollen. Aber wir gehören uns nicht. Es ist uns noch viel früher als in die Wiege gelegt; es ist eingestiftet in unser Menschsein, dass wir vom Anfang bis zum Ende offen und in Beziehung sind auf den hin, der uns geschaffen hat, und von dem wir glauben, dass er uns am Ende in seiner Hand bergen wird. „Der Tod ist Gottes eine Hand, mit der er uns in seine andere füllt“, so hat es mal jemand auf den Punkt gebracht. 

Paulus redet hier aber nicht ganz allgemein vom Stirb und Werde, vom Geschaffensein und der kreatürlichen Vergänglichkeit des Menschen. „Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebendige Herr sei“. Denn dazu, mit diesem Ziel und Lebenszweck: das ist mehr als das, was wir mit allen Lebewesen auf Erden teilen. Vielleicht kann man es so sagen: es gibt kein Geschöpf auf der Welt, das so unsicher darüber ist, was sein Platz auf dieser Erde sein könnte. Kein anderes Geschöpf ist so voller Freiheitsdurst und Lust Rebell zu sein, aber auch so voller Angst und Ungeborgenheit, so voller Zweifel, wie sein Lebensweg zu gehen hat, wie der Mensch. Wir sind vielleicht die großartigsten, aber auch die bedürftigsten und die angefochtensten unter allen Lebewesen; die hochbegabten Kinder Gottes – und zugleich die Sorgenkinder, die ihr Leben gründlich verfehlen können und immer wieder verfehlen. Und so brauchen wir den Christus,  den Immanuel, den „Gott-mit-uns“. Den der mit uns auf dem Weg ist; der vor uns und für uns und dann mit uns die letzte schwere Hürde des Lebens nimmt und uns am Ende auf seinen Armen ins Leben trägt. 

Ich glaube, über das hinaus, was jeder dieser Menschen in der Ausstellung für sich gewollt, gesehen, gesagt und erfahren hat, gilt das für einen jeden von ihnen: Darum, wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Jesaja hat es noch anders gesagt, und wir haben es gehört: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein (Jesaja 43, 1). Jeder von ihnen ist mit seinem Namen unauslöschlich in die Hände des auferstandenen Christus gezeichnet. Es sind dieselben Hände, die auch die Wundmale seines Todes tragen.

Manche von Ihnen wissen, dass ich die letzten sechs Jahre bis zum Beginn meines Ruhestandes in Ostfriesland zugebracht habe. Neben vielen schönen Bildern dieses Landes wird ein Bild einen besonderen Platz in meinem Herzen behalten, und das möchte ich an Sie weiter geben: das sind die alten Dorfkirchen Ostfrieslands. Sie ragen nicht hoch hinaus; der gedrungene Glockenturm steht meist neben der Kirche. Diese Kirchen liegen erhöht auf einer Warf. Man muss zu ihnen hinauf steigen, so wie man in Israel hinaufstieg zu der heiligen Stadt Jerusalem. Um diese Kirchen herum liegt der Friedhof. Man geht an den Gräbern vorbei und liest im Vorbeigehen die Namen der Toten. So sind sie bei den Lebenden, und die nehmen sie bewusst in ihre Mitte. Diese alten ostfriesischen Kirchen sind wie Wächterinnen über den Lebenden und den Toten. Das lebendige Wort Gottes wird in diesen Kirchen den Lebenden zugesagt und über den Toten ausgesprochen. So bleiben Lebende und Tote untereinander und mit Christus verbunden in Zeit und Ewigkeit: „Darum, wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Landessuperintendentin i.R. Oda-Gebbine Holze-Stäblein, Quedlinburger Weg 13, 30419 Hannover, Tel. 0511-7636530

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