12. September 2010 | Predigt

Leibniz in der Neustädter Hof- und Stadtkirche

Friede sei mit uns von dem, der da war, der da ist und der da kommt!

Leibniz Predigt am 12. September 2010 in der Neustädter Kirche

Friede sei mit uns von dem, der da war, der da ist und der da kommt!

Ein gewaltiger Text, liebe Gemeinde, den wir da gehört haben. „Sorget nicht um euer Leben!“ heisst es zu Beginn. Und am Ende:

 „Sorget nicht für den andern Morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.“ 

Ein Text, der uns überwältigen kann und der uns wohl überfordert. Die Worte sind ein Teil der Bergpredigt, also der berühmtesten Rede des Neuen Testaments, und damit des wohl bekanntesten Textes der Bibel überhaupt. Am Ende dieser langen Rede heisst es bei Matthäus: 

„Da Jesus diese Rede vollendet hatte, entsetzte sich das Volk über seine Lehre; denn er lehrte mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten.“ (Mt. 7,28) 

Wer heute verstanden hat, um was es hier geht, muss ebenso entsetzt sein. Wer Ohren hat zu hören, der höre. 

Was tut man, wenn eine Forderung wie das „Sorget nicht!“ einen überfällt, die unerfüllbar scheint? Man schwächt sie wohl gewöhnlich ab, deutet sie um. Immer wieder haben Geistliche betont, die Forderung „Sorget nicht“ solle natürlich nicht bedeuten, dass wir uns nicht zu kümmern hätten, sondern nur, wir sollten nicht so ‚bekümmert sein’. Es gehe nur um Gelassenheit, eine entspannte Haltung unserem Alltag voller Pflichten gegenüber. 

Nein, ich fürchte, man darf sich diesen Anruf nicht kleinreden. Die Forderung ist da. „Sorget nicht!“, und wir wissen, dass wir ihr nicht folgen können. 

Es ist wie mit Jesu Ruf zur Nächstenliebe, gar zur Feindesliebe. Wir spüren, es ist die Wahrheit, es ist der Weg, der uns frei machen könnte, aber wir bleiben weit hinter dem Ziel zurück. Die radikale Forderung Jesu, von Matthäus überliefert, steht wie eine Felswand vor uns, und wir können nicht hinauf.  

Leibnizpredigt

Heute sollen wir uns diesem Text auf eine andere Weise nähern. Unsere Predigt ist „Leibnizpredigt“ überschrieben, denn in diesen Festwochen gedenken wir des bedeutenden Mannes. Wir wollen zugleich den Text und ihn, Leibniz, in den Blick nehmen. 

Zunächst einmal wörtlich. Wir erblicken hier sein Porträt, hier werden seine sterblichen Überreste aufbewahrt. Und er hat hier vorne einst gesessen und ist dem Gottesdienst gefolgt. Das war, als er mit dreissig Jahren an den hiesigen Hof gekommen war und in diese Kirche ging, die erst vor Kurzem fertiggestellt war. Ja, hier hat er gesessen, bis es schnell zu einem Rangstreit kam. Die vornehmen Plätze hier vorne, prächtig ausgestaltet, waren an Hofleute vergeben, für die die Hofkirche auch erbaut worden war. Das Gestühl aber, das Leibniz als vornehmen Sitz eingenommen hatte, machte ihm ein Leibarzt des Kurfürsten streitig. Leibniz beklagte sich beim Kurfürsten, bekam nicht Recht, zog sich zurück und ging fortan in die Marktkirche. Bis er auch diese Gewohnheit aufgab. Mit seinem Tod wurde es wieder seine Kirche. 

Heute also eine Leibnizpredigt. Was soll man darunter verstehen? Ich will es so deuten, dass ich versuchen will, den Predigttext zu hören mit den Ohren von Leibniz. Was hätte er sich dabei gedacht? Wie hätte er mit seiner eigenwilligen persönlichen Frömmigkeit auf diese Worte Jesu eingehen können? Und was können wir von ihm, diesem klugen Christen, vielleicht heute lernen? 

1. Sorget nicht

Unser Text beginnt mit einem Paukenschlag: 

„Sorget nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet.“ 

Leibniz wäre als Hörer des Wortes, wie wir es auch sind, erschrocken. Er wusste: Unser Leben ist Sorge. Das seine war es bestimmt. 

Nehmen wir den Satz hinzu, der vor unserem Text steht, so wird es noch härter: 

„Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Mt 6,24)

Der Mammon, also das Geld, ist uns näher als Gott. Leibniz wird es gewusst haben, ohne Selbsttäuschung. Wie auch wir wird er geahnt haben, dass Gott und Mammon zwei Herren sind, und der Mensch sich entscheiden sollte. Es aber nicht kann

Dieses Wort zu hören wird Leibniz aber in gewisser Weise besonders schwer gefallen sein. Denn einerseits liebte er seinen Schöpfer, glaubte auch mit seinem Leben ihm zu dienen. Andererseits war er aufs Geld aus. Er bezog mehrere Einkommen neben einander und versuchte zudem noch, mit Freunden andere Geldquellen zu öffnen, Erfindungen zu machen, Manufakturen zu errichten und zu Wohlstand zu kommen. Als er in seinen letzten Lebensjahren am Kaiserhof in Wien weilte, bekam er Audienzen beim ganz jungen Kaiser, der ihn schätzte. Doch Leibniz verdarb sich die Gunst, indem er oft auf sein ausstehendes Gehalt zu sprechen kam. In seinem Arbeitszimmer hier in Hannover in der Schmiedestrasse stand eine Truhe. Als man sie nach seinem Tod öffnete, fand sich darin ein Schatz aus Wertpapieren und Münzen, nach heutigem Geld eine halbe bis eine Million Euro. 

Ein Neffe von ihm war sein Erbe, ein sächsischer Pfarrer. Und es gibt die Überlieferung, dass er, als er mit der Truhe aus Hannover in seinem Pfarrhaus ankam, seine Frau beim Anblick des Inhalts der Schlag traf. 

Leibniz hatte offenbar zu Lebzeiten reichlich vorgesorgt. Das mag uns enttäuschen. Aber eigentlich hält uns sein Verhalten nur einen Spiegel vor. Wir erkennen uns darin wieder. Denn auch von ihm gilt: Es war natürlich nicht die schäbige Liebe zum Geld, es war Existenzangst, die ihn dazu brachte, solch ein Vermögen anzuhäufen. Er war bedroht durch die Angst, im Alter zu verarmen. Alles entschuldbar. Und auch von ihm können wir sagen (was wir ja auch von uns behaupten), dass er nicht dem Mammon gedient hat, sondern das Geld nur brauchte, um die Sorgen zu vertreiben und sich sicher zu fühlen. 

„Sorget nicht um euer Leben“. Ja, wir sorgen uns. Wir würden es gar nicht aushalten, wenn wir nicht wüssten, was wir morgen essen und trinken könnten und wie wir uns kleiden werden. Genau das Gegenteil von Jesu Forderung ist uns zum Imperativ geworden: „Sorge für dein Leben, sorge vor für morgen!“ Nur das gilt als vorbildlich und verantwortungsvoll. Ein moderner Imperativ.

Nehmen wir nur das Wort ‚Daseinsvorsorge’. Manche Theoretiker meinen, das sei die eigentliche Aufgabe des Staates, Daseinsvorsorge zu betreiben. Also dafür zu sorgen, dass der Sozialstaat jedem das Nötige bietet, dass die Wirtschaft läuft und die Infrastruktur ausgebaut wird. Und diesem vergötterten Begriff ‚Daseinsvorsorge’ schleudert Jesus das Wort entgegen: „Sorget nicht!“ 

Was hätte Leibniz dabei empfunden? Er hätte wohl geseufzt, vielleicht auch den Kopf geschüttelt. War er es doch, der die Mächtigen im Lande dazu bringen wollte, Vorsorge zu treffen. Als ein Beispiel können wir seinen Vorschlag nehmen, eine Brandversicherung zu errichten, den er seinem Kurfürsten, aber auch dem Kaiser in Wien gemacht hat. Ein Vorschlag, der damals unter den Frommen noch durchaus umstritten war. Feuersbrünste galten vielen Zeitgenossen als eine Strafe Gottes, und Gott darf man nicht in den Arm fallen. Anders Leibniz. 

Als ein kluger Mann zwei Generationen vor Leibniz dem Herzog von Oldenburg den Vorschlag machte, eine Feuerversicherung zu gründen, erwiderte der, das heisse, Gott versuchen und seinem Gericht entgehen wollen. Dieser Herrscher ging so weit, seinen Untertanen selbst den neu aufkommenden Regenschirm zu verbieten, denn Gott lässt es regnen auf Gerechte und Ungerechte. Dem soll man sich nicht entziehen. 

Leibniz hingegen, der in einer schon halb modernen Zeit lebte, wollte gar Dämme errichten gegen die jährlichen Überschwemmungen und er errechnete die Grundlagen für eine Lebensversicherung. Bis in unsere Zeit aber gibt es Menschen, die ganz anders leben wollen, nämlich in vollem Gottvertrauen, und die den Abschluss einer Versicherung als Unglauben deuten. Ganz so wie es in Jesu Worten heisst, Gott kleide sogar die Blumen schön. Wörtlich:

„… sollte er das nicht vielmehr euch tun, o ihr Kleingläubigen?“ 

Wir hören die Anrede „ihr Kleingläubigen“, wir erkennen uns darin vielleicht wieder und verharren doch in unserem Alltag, weil wir nicht wissen, was wir ändern könnten. 

2. Alles vorherbestimmt

Eine Leibnizpredigt soll es sein. 

Wenn wir versuchen, den Text, der uns zu dieser Predigt aufgegeben ist, mit den Augen und mit der Frömmigkeit eines Leibniz zu lesen, so kann uns eine zweite Botschaft, die hier steht, auffallen. Leibniz liebte den Schöpfer und fühlte sich von ihm geleitet, in ihm geborgen.

Er zeigte sich sogar überzeugt, dass Gott alles im Voraus festgelegt hat, alles was geschieht, was wir tun, sogar das was wir denken. Alles hat Gott schon bei der Schöpfung geplant, es geschieht nach seinem Willen. 

Auch in unserem Predigttext steht ja, durchaus im Sinne von Leibniz, dass Gott für alles sorgt. 

„Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie sähen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?“ 

Das erinnert an ein Wort Jesu, das sich ebenfalls bei Matthäus findet: 

Nun aber sind auch euere Haare auf dem Haupte alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht …“ (Mt 10,31) 

Unsere Haare auf dem Haupte sind alle gezählt. Die Vögel sammeln nicht, aber unser himmlischer Vater nährt sie doch. Das sind Deutungen unserer Umwelt und unseres Alltags, die uns wohl allen recht fremd sind. Weiss Gott wirklich alles, sieht er alles? Ja, hat er gar alles selbst so bestimmt? Durchaus sonderbar zu denken. 

Aber genau davon war der fromme Christ Leibniz überzeugt. Er glaubte an dieses Vorherbestimmtsein. Es ist ein zentraler Punkt seiner ganzen Philosophie. Der Fachausdruck heisst bei ihm ‚Prästabilierte Harmonie’. Dieser Glaube, dass der Schöpfer – schon bei der Schöpfung – alles festgelegt hat, war bei Leibniz aber nicht nur ein Konstrukt seiner Weltanschauung, es war auch seine religiöse Überzeugung. 

Er muss daraus eine tiefe Gelassenheit gewonnen haben. Eine Gottergebenheit. Er fühlte sich von Gott geleitet und behütet. Die Vögel sorgen sich nicht, „und euer himmlischer Vater nährt sie doch“. Das war auch seine fromme Gewissheit. Dass er nicht den nächsten Schritt tun konnte, dass er also dem Sorgen nicht abschwor sondern seine Truhe füllte, das haben wir schon erwähnt. Sicherheit durch Geld, das stand für ihn wohl auf einem anderen Blatt. Er spürte jedenfalls auch eine seelische Geborgenheit. 

In diesem Gottvertrauen kann er uns ein Vorbild sein. 

3. Das Reich Gottes

Nun komme ich noch auf ein drittes und letztes Thema durch unsere leitende Frage, wie Leibniz als Hörer diesen Predigttext wohl aufgenommen hätte. Am Ende der Worte Jesu steht ein bedeutender Satz, der im Druck des Bibeltextes hervorgehoben und vielen von uns im Ohr ist:

„Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.“ 

Das war eine Botschaft nach Leibnizens Herzen: das Reich Gottes. Er strebte danach, er „trachtete nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit“ und er sah die ganze Menschheit unterwegs zu diesem Reich. Das kommende Reich Gottes war für ihn der Inbegriff der Erlösung, das Ziel einer grossen geschichtlichen Bewegung. 

Nun ja, das Reich Gottes? Man versteht nicht gleich. Es gibt so viele Begriffe in der Bibel, die das Kommende ankündigen. Sicher ist, dass Jesu Botschaft vor allem so gelautet hat: „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen!“ Irgendwie ist das Reich Gottes mit Jesus schon gekommen, es ist im Werden. Gott errichtet seine Herrschaft, und Jesus bildet sie ab. 

Dass Leibniz, wenn es um seinen Glauben und seine Theologie geht, ganz auf das Reich Gottes setzt, muss uns also nicht auffallen oder gar wundern. Nur gewinnt der Begriff bei Leibniz eine recht eigene Bedeutung dadurch, dass er die Konkurrenzvorstellung, die sich ebenfalls im Neuen Testament findet, ablehnt. Das ist die Ankündigung vom Niedergang, vom Zusammenbruch der Welt, von Jüngstem Gericht, von Verdammung zur Hölle oder Aufstieg in den Himmel. 

Diese ganze Erwartung, die Apokalypse, hat Leibniz für sich selbst im Stillen abgelehnt, soweit wir wissen. Aber dafür hat er den Aufstieg der Menschheit, die dabei vom Schöpfer geleitet wird, zum Reich Gottes eindrucksvoll als sein Modell dargestellt. Und er hat damit Schule gemacht. 

Während die Theologie zu seiner Zeit noch lehrte, es gehe abwärts mit der Menschheit, Zerstörung und Gericht stünden bevor, hat er die Perspektive völlig verändert. Es geht aufwärts und am Ende steht die geläuterte Menschheit und die vollendete Schöpfung unter Gottes Herrschaft. Statt Jammertal nun Fortschrittsglaube. Das möge als Andeutung genügen. 

Sässe Leibniz noch in dieser Kirche, und das haben wir uns ja vorgestellt, so hätte ihn dieser Satz aus der Bergpredigt wirklich erwärmt: 

„Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.“ 

Schluss

Blicken wir zurück. Bei dem Versuch, diesen fordernden Text der Bergpredigt auszulegen, haben wir nach Leibniz gefragt. Er zeigte sich dabei als ein moderner Mensch, ganz im Sinne unserer Zeit, wenn er das „Sorget nicht!’ und die Warnung vor der Liebe zum Mammon nicht mitmachen konnte. Wenn er im Gegenteil die Daseinsvorsorge des Staates zu seinem Thema machte. 

Er war hingegen so ganz anders, als es die heutigen Christen gewöhnlich sind, wenn es um den Glauben an Gottes Vorsehung und Leitung geht. Er glaubte wirklich, dass unsere Haare gezählt sind und dass selbst die Vögel fliegen nach nichts als Gottes Vorherbestimmung. Er liebte seinen Schöpfer mehr, als es die meisten heutigen Christen tun können. 

Und schliesslich erfüllte ihn mit Inbrunst die Erwartung des Reiches Gottes, zu dem er die Menschheit aufsteigen sah. Er setzte alles auf diese eine Vision und Hoffnung, was hingegen sonst noch zu erwarten wäre, das hat er sich weniger zu eigen gemacht. Auch darin scheint er mir ein Vorbild zu sein. Er hat das, woran er glaubte, mit Leidenschaft geglaubt. 

Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit“. Möge Gott uns diese Hingabe eines Leibniz und dieselbe Freude schenken.      Amen. 

Gebet im Gottesdienst mit Leibnizpredigt am 12. September 2010

Das vollkommene Gebet von Gottfried Wilhelm Leibniz

„O einziger, ewiger, allmächtiger, allwissender und allgegenwärtiger Gott, du einziger, wahrhafter und unbeschränkt regierender Gott: ich hoffe auf dich, ich liebe dich über alles, ich bete dich an, ich lobe dich, ich danke dir, und ich gebe mich auf an dich. Vergib mir meine Sünde und gib mir, sowie allen Menschen, was nach deinem heutigen Willen nützlich ist für unser zeitliches wie für unser ewiges Wohl, und bewahre uns vor allem Übel.“

Weiterführung von Pastorin Martina Trauschke:

Barmherziger Gott, du hast uns unser Leben in dieser Welt geschenkt. An manchen Tagen leuchtet alles vor Glück und Schönheit, wohin wir sehen; ob es die Augen sind, in die ich blicke, ob es der Himmel ist, der sich weit öffnet, ob es die Aufgabe ist, der wir uns zuwenden. Du hast uns die kraft des Glaubens und die Kraft der Vernunft gegeben, damit wir diese Festigkeit und Zuversicht der guten Tage bewahren auch wenn es anstrengend und düster in uns und um uns aussieht.

Komm du zu den Menschen, denen die Hoffnung und der Glaube versiegt sind wie ein ausgetrocknetes Flussbett. 

Komm du zu denen, deren Denken und Fühlen nur noch die Grenzen der Sorge kennen.

Dir öffnen wir unser Herz und unsere Vernunft; belebe uns in deinem Heiligen Geist auf allen Wegen.

Amen 

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