22. August 2010 | Predigt

Pn Trauschke vor der Neustädter Hof- und Stadtkirche

Saul, was verfolgst du mich?

Predigt am 22. August 2010 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis von Pastorin Martina Trauschke

Liebe Gemeinde!

Der Predigttext ist ein Abschnitt aus der Apostelgeschichte ( Kap. 9,1-9 ): Paulus vor Damaskus. Als aus Saulus Paulus wurde, als aus dem Verfolger der ersten Christen der Apostel Christi wurde.

Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe. Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul. Saul, was verfolgst du mich? Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst. 

Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden. Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der hand und führten ihn nach Damaskus und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.

Dieses hier geschilderte Ereignis ist von so nachhaltiger Wirkung, dass es sprichwörtlich geworden ist. Vom Saulus zum Paulus. Jeder weiß, was gemeint ist: ein Mensch hat eine entscheidende Wende vollzogen, mit der man nicht rechnen konnte. Ein unvorhersehbares Ereignis hat eine Wende im Leben eines Menschen herbeigeführt und von diesem Punkt aus entwickelt sich alles anders. Diese Wende klingt nicht nach einem abgewogenem Entschluß. Es ist ein überwältigendes Ereignis, dem sich einer nicht entziehen will. So spricht Gott, so unbedingt.

Am ehesten kennen wir die Erfahrung, wie etwas uns unbedingt trifft, in der Liebe. Jetzt in den Sommerwochen finden auch in unserer Kirche einige Trauungen statt und in der Vorbereitung spreche ich mit dem jungen Paar und versuche zu erfahren, was diese Beiden zusammengebracht hat und der Grund dafür geworden ist, dass die Beiden ihr Leben miteinander verbringen wollen. Häufig ist es schwer mit Worten zu sagen, was zu dieser Bindung von großer Tragweite geführt hat. Je mehr einzelne Gründe einer aufführt, desto mehr kann er in Frage gestellt werden. Wenn der Mann sagen würde ‚weil ich deine Augen so liebe oder deinen Mund oder deine Gestalt oder deine Heiterkeit’ – um nicht nur etwas Äußeres zu sagen – dann könnte die Frau nachfragen ‚Was aber, wenn sich dies Äußere verändert? Liebst du mich nicht ganz?’

Oder denken wir an Marie oder an andere Kinder, die wir fragen würden: Warum liebst du deine Mama und deinen Papa? Dann sehen wir große Augen. Denn für ein kleines Kind haben die Eltern die ganze Unbedingtheit des Lebens selbst und sind vom Leben des kleinen Kindes gar nicht zu trennen.

Auf eine andere Weise, aber auch unbedingt, wird Saulus vor Damaskus getroffen. Wie aber kann man von einem so außergewöhnlichen Ereignis sprechen? Wie macht es der Verfasser der Apostelgeschichte? Plötzlich ein Licht vom Himmel – eine Stimme hört Saulus – sehen kann man aber niemanden und dann ist Paulus drei Tage blind. Soviel ist deutlich: hier ist etwas geschehen, was mit den sinnen nicht ganz fassbar ist. Zwar kommt er mit den Ohren noch am weitesten, aber die Augen können nichts zum Erfassen des Ereignisses beitragen.

In der letzten Woche war ich in einem Museum und wurde von einem Gemälde stark angesprochen. Abends wollte ich einem Freund von der Intensität dieses Momentes erzählen, aber wie? Haben Sie schon einmal versucht, einem anderen zu erklären, warum gerade dies Bild Sie so angesprochen hat? Ich habe versucht, genau zu beschreiben, was ich sah. Aber die Intensität entstand zwischen dem Gemälde und meinem Sehen und meiner seelischen Verfasstheit in diesem Moment.

Wie spricht Paulus selber über sein Damaskus-Erlebnis? Er tut das in dem Brief, den er an die Galater geschrieben hat. Da heißt es ganz lapidar: „Da es aber Gott gefiel, dass er seinen Sohn offenbarte in mir..“ Paulus erzählt gar nicht wie es im Einzelnen sich ereignet hat. Das mag uns enttäuschen, weil wir so gern das, was passiert, erklären wollen. In dem wir die Welt erklären, eignen wir uns die Welt an. Nicht mehr lange und Marie wird furchtbar viel wissen wollen: Wo denn der liebe Gott ist und wie weit es bis zu den Sternen ist und wie das Licht funktioniert und warum die Tomaten rot und nicht blau sind. Das Seelische aber entzieht sich den Erklärungen, mit denen wir in der äußeren Welt recht gut klarkommen.  Das Seelische zeigt sich in seiner Wirkung, und davon kann Paulus erzählen.

Wir wissen aus seinen Briefen, dass er ein leidenschaftlicher Mensch war. Er hat eine große Energie in sich mobilisiert zur Bekämpfung dessen, was er hasste und verabscheute: die Bewegung der Christen. Es gab zu seiner Zeit durchaus auch einen anderen Umgang mit religiösen neuen Tendenzen. Davon wird in der Apostelgeschichte erzählt. Ein anderer Gelehrter im Judentum, sozusagen ein Kollege von Paulus, hält eine Plädoyer für einen anderen Umgang.

„Da stand Gamaliel auf, ein Schriftgelehrter von der ganzen Stadt geachtet: Überlegt gut, geht in euch, bevor ihr handelt’. Dann nennt er zwei Namen von religiösen Neuerern und in beiden Fällen haben die Anhänger sich nach dem Tod des Anführers zerstreut. „Laßt ab von diesen Menschen und lasst sie gehen. Ist dies ein Werk von Menschen, so wird es untergehen. Ist es von Gott, so könnt ihr es nicht vernichten“ So begründet Gamaliel seine tolerante Vorgehensweise mit den ersten Christen. Paulus war anders. Wenn ihn etwas im Innersten trifft, brennt er. Sein Brennen ist Haß und ein Eifer der Vernichtung für das, was er als falsch erkennt. Ein Eiferer im Namen Gottes. Wir wissen, welche Energie religiöser Eifer freisetzen kann. Welche Vernichtungsenergie; Paulus folgte der Dynamik dieser negativen Energie. Natürlich für ein Ziel, von dem er überzeugt war. In dem plötzlichen Ereignis aber trifft ihn  wie ein Blitz eine andere Gottesenergie – auch leidenschaftlich, aber für das Leben. So zeigt sich der Gott Jesu Christi. Die negative Macht des Verbietens, des Hasses, der Verachtung hat eine große Ansteckungskraft. Das kennen wir: ein böses Wort, eine böse Handlung kann eine ganze Kette von Verneinung und Zerrüttung hervorrufen und wie ein Brand zwischen Menschen alles Vertrauen und alle Freude vernichten. Die Ansteckung durch das Negative ist stark. Ein böses Wort gibt das andere. Aber die Gottesenergie ist stark genug diese sich selbst fortsetzende Kette der Negativität zu unterbrechen.

Diese Erkenntnis, diese blitzartige Erfahrung trifft Paulus; wirft ihn völlig um, weil in diesem Licht alles anders aussieht. Und richtet ihn schließlich neu wieder auf. und führt ihn neue Wege. Drei Jahre geht er nach Arabien in eine Art Einsamkeit bis diese überwältigende Erfahrung sein Leben, seine Person durchwirkt hat,  Jesus hat in seinem Handeln ans Licht gebracht wie die göttliche Energie die Kette des Bösen, des Negativen unterbrechen kann. Denken Sie an die Geschichten von Menschen, die eines lebendigen Teils ihres Lebens beraubt waren, ob sie stumm oder lahm oder taub waren – er hat ihnen die volle Lebndigkeit wieder zugänglich gemacht.

So ist das handeln Gottes an Paulus zu verstehen: erbrauchte keinen Wüterich zur Verbreitung des Hasses. Gott suchte die Hörfähigkeit des Paulus für ein neues Wort. Paulus wurde nicht müde, diese Erkenntnis und dies neue Licht in alle Situationen hineinzubringen: in die Konflikte in Gemeinden, in die Konkurrenz um das Apostelamt usw. Diese Aufgabe steht auch vor uns: der negativen Energie, dem bösen Wort, dem Ausdruck des Hasses nicht die Antwort der Fortsetzung zugeben, sondern in der Unterbrechung ein neues Wort wagen. Das gehört nicht zu den leichten Aufgaben des Menschseins. Wir sträuben uns gegen diese Anstrengung und doch spürt jeder in seinem Inneren, dass es darauf ankommt, das uns Fordernde anzunehmen um Gottes und unserer selbstwillen.

Gott, der Paulus in diesen Lichtblitz einhüllte, möge uns seine starke Lebensmacht nicht vorenthalten. Amen.    

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