4. April 2010 | Predigt

Pn Trauschke vor der Neustädter Hof- und Stadtkirche

Jauchzet, ihr erlösten Zungen, dass man es im Himmel hört.

Predigt am Ostersonntag, 4. April 2010 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche von Pastorin Martina Trauschke

Liebe österliche Gemeinde!

Der erschütternde Schreck vom Ostermorgen ist dem Osterjubel gewichen:

       Jauchzet, ihr erlösten Zungen,

        dass man es im Himmel hört.

So klingt es in uns nach, wie wir es im Osteroratorium von J. S. Bach gehört haben. Aber mit dem Schrecken hat es am Ostermorgen begonnen. Haben Sie es aus der Lesung des Evangeliums noch im Ohr? „Zittern und Entsetzen war sie – die drei Frauen – angekommen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.“ Das ist recht besehen ein  unmöglicher Schluß für eine Ostergeschichte. Vor dem Osterjubel steht diese erschütternde Unmöglichkeit. Auch im Bild haben wir sie vor uns. Auf dem Umschlag des Gottesdienstblattes sehen Sie die Abbildung eines Gemäldes von Giotto, dem großen italienischen Maler am Ende des Mittelalters. Dargestellt ist die Geschichte der Begegnung zwischen dem Auferstandenen und Maria Magdalena. Verzweifelt weinend suchte sie ihren Herrn bei den Gräbern; da rief er sie mit ihrem Namen. Ihn erkennen und zu ihm in die vergewissernde Umarmung flüchten wollen sind eins. Aber ebenso augenblicklich sehen wir die rechte Hand Christi ausgestreckt, diese Umarmung abzuweisen. Genauso augenblicklich ist die Abweisung Maria in die Arme gefahren: Die Bewegung ihrer zarten Hände ist unentschieden gelassen. Der Auferstandene ist sichtbar gezeigt und doch nicht ganz irdisch. Seinem Fuß auf der Erde fehlt das Gewicht und die Schwere.

Welche Ungreifbarkeit! Welche Unmöglichkeit! Welche Ambivalenz und Hin und Her zwischen Irdischem und Überirdischem. Das ist zum Erschrecken. Ja – ist denn das Grab leer oder nicht? Vor dieser Frage bleiben wir oft schon stehen und kommen gar nicht zu dem Schreck, der Maria durch die Glieder fuhr, als sie ihren Namen hörte und ganz ihrem Herrn hin wollte und doch im Abstand verharrt.

Ist die Situation des Glaubens so ambivalent? Zeichnet sich der Glaube an den Auferstandenen gerade durch diese innere Spannung aus: hin zu Christus und doch ganz bei sich bleiben zu sollen? Die Auferstehung ist, soviel ist klar, nicht die Wiederherstellung dessen, was vorher war, des natürlichen irdischen Leibes, und doch ein höchst kraftvolles Geschehen. Das ist zum Erschrecken. Höchst irritierend. Die nicht greifbare Wirklichkeit des Auferstandenen greift in Marias Leben ein. Maria möchte gerettet sein durch das Gute, durch den Guten, dem sie sich anvertraut. Unser Herz sehnt sich oft wie Maria nach Eindeutigkeit und die schmerzliche Wahrheit, das Jesus durch den Tod gegangen ist, einfach zu vergessen; jetzt wo er lebt. Unser Herz sehnt sich oft nach Eindeutigkeit, nach Leben ohne Tod. Täglich aber verlangt Gott uns ab, das Leben hinzunehmen und zu gestalten und auszukosten im Angesicht des drohenden Todes; den Zwiespalt auszuhalten, die Ambivalenzen in uns und zwischen uns auszuhalten. 

Der Auferstandene selbst eröffnet einen Zwiespalt, indem er über das Diesseitige hinausweist. Er öffnet das Irdische zum Himmel, damit wir nicht verloren an unsere irdische Natur leben müssen. Unser Herz sehnt sich nach der Eindeutigkeit des Friedens in der Welt. Und manchmal lassen wir uns dazu hinreißen zu denken, wenn wir Frieden wünschen oder fordern, dann sind wir schon angekommen auf der Seite der Guten. Der Auferstandene mutet uns das Leben unter den Bedingungen des Todes zu, ohne dem Tod das letzte Wort zu geben. Das hat Konsequenzen für unser Handeln in der Welt.

Unser Kirchenvorstand hat sich in den vergangenen beiden Jahren dafür ausgesprochen das Adventskonzert der ersten Panzerdivision in Kooperation mit dem Stadtkirchenverband in der Neustädter Hof- und Stadtkirche stattfinden zu lassen. Das hat zu Unmut und Protesten geführt. Zu einer versuchten Besetzung der Kirche, um das geplante Konzert damals im Dezember zu verhindern. Die Proteste zielen auf zwei Aspekte. Zum Einen, dass überhaupt das Heeresmusikkorps in einer Kirche das Adventskonzert veranstaltet und zum Anderen, dass die erste Panzerdivision in Afghanistan im Einsatz ist. Zum Ersten ist zu sagen: Die Bundeswehr ist nach unserer Verfassung ein Teil unserer Gesellschaft und als solche hat sie einen Raum in unseren Kirchen. Die Verantwortung der Kirche liegt gerade darin, eine die einzelnen Gruppierungen unserer Gesellschaft übergreifende Öffentlichkeit zu ermöglichen. Die zweite Frage ist eine politische Entscheidung, zu der wir als Christen und Staatsbürger uns verhalten können und sollen. Aber wir sind als Christen nicht die moralischen Besserwisser; sondern uns ist zugemutet, über sehr schwierige unübersichtliche Prozesse der Weltpolitik nachzudenken. Die prophetischen Worte über die Kostbarkeit des Friedens sind uns nicht gegeben, damit wir uns über die harte und komplexe, sehr widersprüchliche Wirklichkeit mit lauter Stimme hinwegsetzen. Die gute Forderung entbindet uns nicht vom Nachdenken und nicht von der mühsamen Arbeit im Austausch und im Streit der Meinungen die bestmögliche Lösung zu finden, die sich aber immer noch in ihrer Wirkung als falsch erweisen kann, trotz unserer besten Mühe.

Darum habe ich der Gruppe, die im Dezember die Kirche besetzt hat, das Angebot gemacht, gemeinsam eine öffentliche Veranstaltung vorzubereiten und durchzuführen, bei der die Fragen um die notwendigen Entscheidungen für die Bundeswehr in Afghanistan in der Öffentlichkeit vorangetrieben werden. Dies Angebot zum gemeinsamen Handeln wurde damals nicht angenommen. Darum haben wir heute die spannungsreiche Situation des Nebeneinander von Gottesdienst in der Kirche und Kundgebung vor der Kirche. Jetzt werden wir im Frühsommer diese Diskussion in einer öffentlichen Veranstaltung führen.

Gott hat uns sein lebendiges Wort gegeben, aber nicht damit wir Besserwisser werden oder moralische Fundamentalisten. Christus hat in seinem irdischen Leben uns gezeigt, dass es mit Gottes Gnade menschenmöglich ist, in den härtesten Widersprüchen nicht unterzugehen. Wie war es möglich, dass er verwöhnt durch den Jubel der Massen auf der Straße beim Einzug in Jerusalem nicht an sich verzweifelte, als er bespuckt wurde mit aller Hässlichkeit und verurteilt? Nicht dass wir sicher und unangefochten auf der Seite der Guten stehen, hat Gott uns verheißen, aber dass er Menschen in ihrer Lebendigkeit, ihren Widersprüchen liebt und Freiheit eröffnet. Damit wir nicht Knechte von Meinungen anderer, von Machtausübungen anderer werden müssen. Diese Freiheit ist eine bessere Nahrung für unsere Seele als moralische Unangefochtenheit.

In der Kraft der Auferstehung ist uns das volle Leben eröffnet, das die Ambivalenz aushält und nicht die ängstliche Haltung des Besserwissers und Richtigmachers. So können wir in den Streit darüber eintreten, auf welchem Weg der Frieden zwischen uns zu befördern ist. Die Wahrheit des Gotteswortes und der Gottesverheißungen ist nicht so bei uns, dass wir das Hin und Her der widersteitenden Meinungen  ausschalten können oder müssen. In der Wahrheit des Gotteswortes aber sind wir aufgefordert, unsere Meinungen zu prüfen.

Im Wagnis des vollen Lebens in unserer Welt und im Vertrauen darauf, dass Gott sein klärendes und reinigendes Wort uns nicht versagt, können wir in den Osterjubel einstimmen. So wie Maria Magdalena es schließlich getan hat, nachdem sie die komplexe Botschaft des Auferstandenen in sich aufgenommen hat, die Gegenwart dessen, der das Irdische überschritten hat. Gott hat uns das volle Leben als ein spannungsreiches gegeben. Laßt uns nicht weniger wagen!

Der Friede des Auferstandenen erweise in euch allen seine herrliche Kraft!

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