21. März 2010 | Predigt

Königin Sophie Charlotte von Hannover

Predigt über die Elegie von G. W. Leibniz zum Tod von Königin Sophie Charlotte

Predigt über die Elegie von Gottfried Wilhelm Leibniz zum Tod von Königin Sophie Charlotte am 21.03.10 um 11h in der Neustädter Kirche Hannover

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde, am 1.Februar dieses Jahres war der 305. Todestag der preußischen Königin Sophie Charlotte. Sie war die Gattin Friedrich I. Er hatte sich 1701 in Königsberg selbst zum König in Preußen gekrönt und anschließend Sophie Charlotte. Leibniz hat die vorliegende Elegie auf ihren frühen Tod gedichtet, weil sie die Tochter des Hannöverschen Kurfürstenpaares Sophie und Ernst August I. war. Verbunden war er besonders Mutter und Tochter. Sie waren seine Gesprächspartnerinnen am Hannoverschen Hof. Sophie Charlotte war seine Lieblingsschülerin. Aus Gründen der Staatsraison war sie mit dem früh verwitweten Hohenzollern verheiratet worden. Es war wie damals üblich keine Liebesheirat. Pflichtgemäß gebar sie ihm den Thronfolger, der ihm als der Soldatenkönig und Vater Friedrich des Großen nachfolgte. Damit werteten die Hohenzollern ihr eignes Geschlecht auf, indem sie sich mit dem ältesten Adelsgeschlecht Deutschlands verbanden. Als Entschädigung für die lieblose Ehe baute sich Sophie Charlotte in Berlin einen Musenhof auf. Ihn nannte der König nach ihrem frühen Tod Charlottenburg. Leibniz war dort gerne gesehener Gast neben vielen anderen Größen der Philosophie und der Musik der damaligen Zeit. Sophie Charlotte war nicht nur Leibnizens Schülerin, sie war auch eine glänzende Sängerin und eine virtuose Cembalistin. So wie sie sich an ihren Musenhof flüchtete, so floh sie auch oft nach Herrenhausen zur Mutter. So war es auch im Jahre 1705. Sie kam hierher zum Fasching. Er wurde am Hannoverschen Hof im Stil des venezianischen Karneval gefeiert. Das fehlte ihr am protestantisch strengen Hof in Berlin. Sie kam aber mit einer verschleppten Erkältung, die sich durch die eisige Winter-Reise vermutlich zur Lungenentzündung verschlimmerte. An ihr starb sie am 1. Februar 1705 in Hannover plötzlich im Alter von nur 37 Jahren.

Liebe Gemeinde, nun hatten die Menschen damals ein ganz anderes Verhältnis zum Tod als wir langlebigen Menschen heute. Er war viel gegenwärtiger. So auch beim plötzlichen Tod Sophie Charlottes. Und doch war es etwas völlig anderes, wenn eine Königin so früh und plötzlich starb. Nebst Einbalsamierung und Überführung in die Gruft des Berliner Domes war es üblich, lange Elegien auf den Tod der Fürsten zu schreiben. Die Wolfenbüttler Bibliothek beherbergt die größte Sammlung barocker Leichenreden und Elegien auf Standespersonen. So dichtete auch Gottfried Wilhelm Leibniz diese Elegie. Die ersten Verse sind ganz im konventionellen Stil gehalten. „Der Preußen Königin verlässt den Kreis der Erden,/ Und diese Sonne wird nicht mehr gesehen werden;/ Des hohen Sinnes Licht, der wahren Tugend Schein,/ der Schönheit heller Glanz soll nun erloschen sein.“ Sie wird als Abglanz des Göttlichen gerühmt, der nun auf der ganzen Welt nicht mehr zu sehen ist. Mit einem Engel, der Fleisch und Bein angenommen hatte verglich er sie. Glückselig pries er König Friedrich, dem Gott einen solchen Engel überließ. Aber nun hat der Tod sie plötzlich hinweggerafft.

Aber Liebe Gemeinde, im nächsten Schritt lässt Leibniz die Konvention der barocken Elegie hinter sich. Schon im Eingangsteil blitzt zwischen den konventionellen Versen seine persönliche Betroffenheit auf. Der Schmerz über den plötzlichen Tod der geliebten Schülerin wird spürbar. Trauer überwältigte ihn. Alle was ihm nun blieb war die Erinnerung. An dieser Stelle griff Leibniz zu dem einzigen Mittel, das auch heute noch die Trauer zu bewältigen hilft. Er griff zu Erinnerung. Der Rückblick auf all das, was sie gemeinsam erlebten hatten half der Trauer, nicht an sich selbst zu ersticken. Erinnerung half ihm die Seufzer aufsteigen zu lassen und die Tränen fließen zu lassen. Leibniz Klage bricht hervor. Eine Frage jagt die andere. Und mit jeder Frage klagt er über die Endlichkeit und Vergänglichkeit menschlichen Lebens. 

Liebe Gemeinde, als Leibniz in seiner Klage gar nicht mehr wusste, an wen er sich wenden sollte wandte er sich, dem die Hannoveraner den Spitznamen des Glövenix gegeben hatten, an Gott. Der vermeintlich gottlose Philosoph, der sich um die Neustädter Kirche herumdrückte, obwohl er als Hofbeamter hier seinen Kirchestuhl hatte, wandte sich in seiner Klage anklagend gegen Gott. Wie Hiob haderte er mit ihm. „Ist Gottes Ebenbild, das Kunststück seiner Kraft,/ So wenig als ein Traum im Schlafe dauerhaft?“ Schafft Gott denn gar nichts Irdisches, das immer bestehen kann? Ja selbst der Geist muss wie ein Leib vergehen. Aber damit erreichte die verzweifelt fragende Anklage gegen Gott noch nicht ihren Höhepunkt. Was Leibniz noch philosophisch verhüllte, heißt im Klartext: Hat der Tod Gott Fessel angelegt? Hat der Tod gar den Allmächtigen besiegt? Konnte er nicht sein geliebtes Geschöpf vor dem Tod retten? Nützt es dem Menschen gar nichts, gut zu sein. Ist der Tod nicht nur Strafe für die, die Gott ein Leben lang verachteten? Vernichtet er ohne Unterschied auch die, die ihn ein Leben lang liebten? Gelten die Bürgerrechte dieser Welt, dass es dem Guten gut und dem Schlechten schlecht geht bei Gott weder im Leben noch im Sterben? Wo bleibt die göttliche Weisheit, mit der Gott unser Leben beherrscht? 

Liebe Gemeinde, an dieser Stelle habe ich den Eindruck, dass der Glövenix seine Bibel besser kannte als die Generalsuperintendenten und Pastoren, die damals in der Neustädter Kirche vermutlich mehr Gesetz als Evangelium predigen. Wie der fromme Hiob fragte Leibniz nach der unergründlichen Weisheit Gottes, als er sich sein Schicksal nicht mehr erklären konnte. Nur Hiobs Freunde meinten, sie wüssten es. Nur weil er gegen Gott gesündigt habe habe Gott ihm alles genommen. 

Wie Hiob wendet Leibniz hier seinen Blick auf Gottes Schöpfung. Bei aller damals aufkommenden Naturforschung, die manche Einsicht ins Innerste der Schöpfung getan hat, musste Leibniz der Naturforscher Gott gestehen, dass keiner sie besser machen konnte. Das gilt bis heute, „dass all unser Witz vorm kleinsten Tier erblasst“. Bis heute haben wir das Geheimnis des Lebens nicht so ergründet, dass wir es vor dem Tode bewahren könnten. Und trotzdem scheut Leibniz nicht davor zurück, diese Welt als die beste aller möglichen Welten zu bezeichnen, trotz oder gerade wegen ihrer Begrenztheit und der Begrenztheit unserer Einsicht. An dieser Stelle lässt Leibniz die Erkenntnis aufleuchten, die er in Berlin im Gespräch mit Sophie Charlotte gewonnen hatte. Hier gedenkt er der Entdeckung der Rechtfertigung Gottes, der sogenannten Theodizee. Sie ist einer der Grundgedanken seiner Philosophie. Hier rechtfertigt er Gott als den Schöpfer, obwohl er nicht die beste aller Welten geschaffen hat, sondern nur die beste aller denkbaren Welten. Es gibt keine bessere und es gibt kein besseres Leben. Die Welt ist von Gott so geschaffen wie sie ist, endlich, begrenzt. Und Gott ist der Schöpfer, obwohl er sie nicht unvergänglich und den Menschen nicht unsterblich geschaffen hat. In seiner Weisheit, die größer ist als alle Vernunft, hat er sie so geschaffen wie sie ist. Diesen Gedanken hat er mit der Königin in Berlin entwickelt und zurück in Hannover hat er ihn aufgeschrieben, so wie er uns überkommen ist.

Im nächsten Vers deutet er den anderen Grundgedanken seiner Philosophie an, die Lehre von den Monaden. Goethe hat diesen Gedanken im Faust in Verehrung für Leibniz so formuliert: Die Monade ist, was die Welt im Innersten zusammenhält. Der Geist, den wir von Gott haben und der Gott in uns ist, ist dieses Wesen, das die Welt zusammenhält vom Innersten bis zum Äußersten. Er ist der Mittelpunkt, der Brennpunkt, in dem alle Strahlen gebündelt werden und von dem sie alle ausgehen. Hier deutet er nach meiner Meinung auch das binäre an, mit dem er die erste Rechenmaschine entwickelt hat. Bis heute funktionieren allen Computern nach diesem Prinzip. Alle Zahlen werden reduziert auf die beiden Grundschritte Null und Eins und daraus wieder zusammengesetzt. 

Damit diese Elegie auf den Tod der Königin Sophie Charlotte weiter alle Grundgedanken seiner Philosophie umfasst, taucht hier nun der Gedanke auf, der von Descartes über Kant und Schleiermacher bis zu Sigmund Freud die Wissenschaft und die Praxis beherrscht. Wie verhalten sich die Wirklichkeit und unsere Wahrnehmung? Kant sagt in unübertrefflicher Deutlichkeit: Die Welt existiert nur in unserm Erleben. Wir kommen nicht an sie selbst heran, selbst wenn wir uns an ihr stoßen. Leibniz sagt: Jedem seine Welt besteht in seinen Sinnen. Er fühlt das Äußre nur so, wie er´s fühlt von innen. Hier deutet sich die kopernikanische Wende der Philosophie schon an. Erst bei Kant wird sie gedanklich voll erfass, bei Schleiermacher zur Grundlage seiner Glaubenslehre und bei Sigmund Freud wird sie praktisch in der Entdeckung der Psychoanalyse.

Liebe Gemeinde, was aber haben die Grundgedanken der Philosophie Leibniz mit dem Tod der Königin Sophie Charlotte zu tun? Im vorletzten Vers der Elegie dichtet Leibniz: Nun so erhebet euch, o ihr bedrückten Sinnen./ Lasst diese Traurigkeit in dieser Freud verrinnen./ Denkt, unverbesserlich sei das, so Gott getan:/ Erkennt man´s gleich noch nicht, so soll man´s doch beten an. 

Leibniz Philosophie ist nicht nur gedachte Weltdurchdringung. Leibniz Philosophie ist auch sein Trost in aller Trauer um den unersetzlichen schrecklichen Verlust seiner geliebten Freundin. Erst in dem Moment, in dem er auch in deren unbegreiflichem Tod das Werk des gerechtfertigten Gottes erkannte konnte er sich über ihn trösten. Gott hat in ihrem Tode etwas getan, was nicht besser getan werden konnte, als er es getan hat. Auch wenn es unbegreiflich ist, dass der Tod, egal in welchem Alter er kommt, zum Leben dazugehört, zeigt sich Gott in ihm als der Herr über Leben und Tod. Es gibt keinen besseren, auch wenn er einem schrecklich weh tut.

Liebe Gemeinde, weil wir dies mit dem Verstand so schwer begreifen können, erinnert Leibniz, dass wir das als Kinder noch besser konnten. Da waren wir noch beseelt von kindlichem Vertrauen in Gott. In ihm haben wir geglaubt, dass Gott gut zu uns ist. Er ist es, der Liebe, Licht und Recht über uns und unser Leben ausgießt. „Gottes Liebe ist wie die Sonne“ so singen wir es in dem neuen Lied. Auch wenn wir nicht in die Sonne sehen können, ohne uns die Augen zu versengen, so leben wir doch von ihr und durch sie aus Gottes Gnade. Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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