14. März 2010 | Predigt

Gemälde des Gekreuzigten in der Hof- und Stadtkirche

Predigt am Sonntag Lätare in der Neustädter Hof- und Stadtkirche Hannover am 14. März 2010 von Pastorin Martina Trauschke

Predigttext: 2. Korinther 1, 3-7

Liebe Gemeinde!

Geteiltes Leid ist halbes Leid. So sagt es das Sprichwort. So sagen wir es, wenn wir unseren Kummer einem anderen, der ein offenes Ohr für uns hat, erzählen konnten. Und wenn es gut geht, hat das Leid oder die last wirklich die Hälfte des Gewichts verloren und mit leichteren Schultern und freierem Kopf wendet man sich wieder den anderen Dingen des Lebens zu.

Wenn mich eine leidvolle Erfahrung trifft, fühle ich es als Schwächung, möglicherweise als Verneinung des Lebens. Seelischer Schmerz ist die sich einstellende Empfindung. Und den Schmerz wollen wir schnell wieder loswerden  Schlimmes Leid lässt das Leben sinnlos erscheinen; entwertet scheinbar das Leben, jedenfalls im ersten Gefühl. Es schwächt den Mut zum Leben.

In der Passionszeit, in der das Leiden Christi uns gegenwärtig ist, rückt auch das Nachdenken über eigene leidvolle Erfahrungen näher, die manchmal ganze Wochen oder Monate unser Lebensgefühl verdunkeln können.

Der Predigttext ist ein Abschnitt aus dem zweiten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth. Zu  großen Teilen ist dieser Brief die Bemühung um die Bewältigung großen Leids. Wir wissen nicht die konkreten Anlässe. Aber soviel wird deutlich: Es gab einen tiefen, schmerzhaften Konflikt zwischen Paulus und seiner Gemeinde in Korinth. Die Gemeinde drohte auseinander zu brechen. Paulus hatte die Gemeinde aus diesem Grund besucht und sich dort aufgehalten. Nichts hatte sich gebessert. Traurig und unverrichteter Dinge war er wieder abgereist. Und dann versucht er von ferne mit der Distanz der Briefe die verfahrene Lage zum Guten zu öffnen. Dazu noch hat Paulus unterwegs eine große Gefahr getroffen. Auch da wissen wir nicht, was ihm zugestoßen ist. Aber wie er darauf reagiert, und in gewisser Weise es überwunden hat. Davon schriebt er ausdrücklich.

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.

Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Haben wir aber Trübsal, so geschieht es aber euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. Und unsere Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.“

Vielleicht haben Sie beim ersten Hören gar nicht den Eindruck, dass da ein Leidbedrängter  schreibt. Er kleidet seine Erfahrungen ein in ein Gotteslob. Ja, so kann es gehen; wenn man das Leid überwunden hat, kann man es in einem größeren Kontext sehen und vielleicht dafür dankbar sein, weil es etwas Unvorhergesehenes hervorgebracht hat. Nicht nur ist geteiltes Leid halbes Leid, wie wir sagen. Mit Paulus können wir ergänzen: Geteilter Trost ist doppelter Trost. Paulus dankt Gott, dass er seine Trübsal überwunden hat.; denn jetzt ist in ihm alles dazu gestimmt, auch die anderen, seine Briefempfänger zu trösten. Ja, so kann es sein. Eigene durchlittene seelische Schmerzen können uns klarer, verständnisvoller und wacher machen für die Schmerzen, die ein anderer durchlebt. Paulus ist es so ergangen. Den Trost, die Heilung seines schweren Kummers, die er erfahren hat , ist  er motiviert an seine korinthische Gemeinde weiterzugeben. Paulus konfrontiert uns mit einer Lebenseinsicht, gegen die wir uns zunächst sträuben: seelische leidvolle Erfahrungen bringen nicht nur Schmerzen mit sich, sondern dahinein gewirkt ist auch Wachstum. Zwar nicht automatisch, aber wenn wir die Erfahrungen des Leids zu integrieren suchen. 

Für uns in unserer Gesellschaft ist die Befreiung von Schmerzen ein hohes Ziel. Insbesondere von körperlichen Schmerzen. Wir wollen schmerzfrei leben und sterben. Das ist ein hoher Wert, unsere Gesellschaft menschlicher zu gestalten. Wenn es möglich ist, ist die Vermeidung von seelischem und körperlichem Schmerz das beste. Aber seelischer Schmerz ist vielfältig. Wenn wir auf unser Leben blicken, die schönsten, kostbarsten Erfahrungen sind verknüpft und verwoben mit leidvollen Kämpfen und Überwindungen im eigenen Inneren. Für unser verwöhnungsbereites Inneres ist das eine bittere Einsicht. Aber niemand bekommt etwas Kostbares, der nicht mutig die Bitterkeit abtrinkt. Ich erinnere an Jesus im Garten Gethsemane. In tiefer Bedrängnis bittet er um sein Leben: Laß diesen Kelch an mir vorübergehen. Aber er trinkt die Bitterkeit seines Kelches und aus den Passionserzählungen der Evangelisten wissen wir, welche Freiheit des Herzens auf dem Boden des Kelches, nachdem er das Bittere abgetrunken hatte, zu schmecken war für ihn. Und für uns, wenn wir davon hören. Auf dem Boden des Kelches ist Grund und Wahrheit da. Aber wann nehmen wir mutig das Bittere? Paulus erinnert an diesen Kelche, der oben die Bitterkeit hat und unten Grund und Wahrheit. Er sagt das so: Wie die Leiden Christi reichlich über euch kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. 

Was macht Paulus in dieser entscheidenden Wendung? Er erklärt die Bedrängnis, die wir erfahren zur Teilnahme am Leid Christi. Um diese Wendung zu verstehen, werfen wir einen Blick darauf wie es uns geht, wenn uns etwas Schlimmes trifft. Wie benommen, wie vor den Kopf geschlagen fühlt man sich, von Gott und von aller Welt verlassen, man fühlt sich entwertet. Warum schickt Gott mir das? 

Das Leid ist da, aber es macht einen riesigen Unterschied, ob das Gefühl von aller Welt verlassen zu sein das letzte Wort behält oder ob das Leid, das ich trage, Teilhabe am Leid Christi ist. Paulus schlägt eine Disziplin, eine Übung des inneren Lebens vor, in der die Erfahrung des Leids sich verändert. Wenn mein Kummer Teilnahme am Leid Christi ist, sind die Gedanken entkräftet, die mir Angst machen im Leiden verraten, verlassen und isoliert zu sein. Es gibt Einen, der das Leid getragen hat, ohne Angst um sich selber zu bekommen, in der alles entwertet ist. Es gibt alte Christusskulpturen aus dem Mittelalter oder der Renaissance, die in der Darstellung des Gesichtes Christi diese Teilnahme anbieten: Ich bin erlöst aus der Isolierung des Leidens, wenn ich diesem Blick begegne. Gott ist nicht so bei uns, dass er uns das Schwere und Rätselhafte nimmt, aber so, dass das Leid uns nicht erdrückt und die Luft abschnürt. Wir müssen uns dazu auf diese innere Übung einlassen. Nicht einfach der Dynamik der Gefühle überlassen, sondern ein Gespräch anzetteln mit dem Blick Christi und seinem Leid. Unsere Angst kann in diesem Wechselgeschehen sich auflösen und wir können die schmerzen tragen, die unsere Person reifer machen und wachsen lassen. So können wir teilhaben an der verheißungsvollen Freiheit Christi, die in seinem Leiden so hervortrat, dass sie unsere Kraft ist.

Schreibe einen Kommentar