7. März 2010 | Predigt

„Bach um Fünf“ Musikalische Gottesdienste am 1. Sonntag um 17 Uhr 2010, Ev.-luth. Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis, Hannover.

von Pastorin Martina Trauschke

Rm 8, 1-11

JESU, MEINE  FREUDE

I

Predigttext: Römer 8, 1-8  

So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: er sandte seinen Sohn in der Gleichgestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdamm­te die Sünde im Fleisch, damit die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt werde in uns, als denen, die nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geist. Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. Das Sinnen des Fleisches aber ist Tod, das Sinnen des Geistes aber Leben und Friede. Darum ist das Sinnen des Fleisches Feindschaft gegen Gott, denn es ordnet sich dem Gesetz Gottes nicht unter und vermag es ja auch nicht. Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen. 

Liebe Schwestern und Brüder!

Es ist für uns fast eine Selbstverständlichkeit, daß wir uns in kürzester Zeit und mit hoher Geschwindigkeit von Ort zu Ort verschieben können. So stieg ich heute morgen in Basel in den Zug und stehe jetzt als Gastprediger vor Ihnen und danke für die freundliche Einladung. Auf den Wegen der modernen Kommunikation hat sich die Beweglichkeit noch erhöht. Am Bildschirm versetzt man sich in eine andere Welt. Man spielt in den Bildern und künstlichen Räumen mit den Variationen des eigenen Lebens. Aber ist innerlich ein Ortswechsel auch möglich? Wo bin ich eigent­lich? Wo ist mein Ort? Wo bin ich in Wahrheit zuhause? 

Paulus behandelt mich als einen, der aus dem Gefängnis herausgeführt worden ist: Du bist befreit,  spricht er mir zu und knüpft noch einmal daran an, daß mein Ausgangspunkt Unfreiheit war. Ich werde weggenommen und hinaus­geführt aus der Zwangslage, in der ich mich befinde, als ein elender Mensch, der nicht weiß, wie er aus dem Zwiespalt herausfinden soll. Ich bin dieser Mensch, der wohl das Gute will, aber doch das Böse tut, das er nicht will. Innerlich stimme ich zu, daß alles, was nicht aus der Liebe geschieht, Sünde ist. Aber dann zeigt sich das eigene Interesse doch als das Stärkere. Paulus hat uns in seinem Gedankengang bis an den Punkt gebracht, an dem wir uns als dieses verstrickte Ich erkennen. Im selben Augenblick aber, in dem die Verzweif­lung darüber hervorbricht, daß wir Gefangene sind, und das Ich nach Erlösung ruft, geht die Tür auf: Gott sei Dank durch Jesus Christus unseren Herrn! Der verstrickte und zugleich zerrissene Mensch ist bei der Hand genommen und tritt heraus an den Ort, wo es keine Verurteilung gibt.

Der neue Ort in Christus  

Es hat für uns schon eine befreiende Wirkung, wenn wir uns selber im Elend des Zwiespalts verstehen. Aber diese Selbsterkenntnis reißt uns noch nicht heraus. Den Ort, wo die Verurteilung verstummt, können wir uns nie selber geben. Der wirklich neue Ort, den wir uns nicht nur wünschen, um dann wieder in unsere alten Löcher zu fallen, ist das Geschenk Gottes. Er hat ihn uns gegeben. Davon redet Paulus jetzt. Für die, welche in Christus sind, gibt es keine Verurteilung. Über ihnen verstummt das anklagende Nein. In Christus ist der neue Ort, wo sie sein dürfen. Doch wie ist man in Christus? Wegen der selbstverständlichen Mobilität unseres Lebens können wir uns die feste Zugehörigkeit zu einem bestimmten Herrschaftsbereich nicht leicht vorstellen. Wir sehen uns zwar vielfältig verpflichtet und eingespannt in Familie, Beruf, und Freundschaften. Vielleicht kommt noch eine öffentliche Aufgabe dazu. Wir leben gleichzeitig in verschiedenen Abhängigkeiten. Doch das Leben als ganzes scheint immer weniger einer letzte Bindung fähig zu sein, und es ist für viele Menschen nicht mehr klar, wo sie hingehören.. 

Wir können nun den Ort in Christus nicht nur in einem bestimmten Teilbereich unseres Lebens festnageln. Aber wir sind einmal getauft worden. Und das heißt, – so ernst ist das nach Paulus zu nehmen – daß wir zeichenhaft den umfassenden Ortswechsel in Christus hinein vollzogen haben. Das Zeichen der Taufe macht uns das sichtbar, was man sonst nicht sehen kann: daß wir in Christus sind. Du bist befreit. Das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. 

Paulus redet vom Gesetz hier in doppelter Weise: einem Gesetz des Geistes und einem der Sünde. Das ist verwirrend, aber notwendig, weil es nicht geschehen darf, daß wir die gute Weisung der göttlichen Liebe auf die Seite schieben, weil wir ihr nicht gerecht geworden sind. Das Gesetz der Sünde heißt es hier, insofern die Sünde daran auflebt; insofern wir daran scheitern und es uns verurteilt. Das Gesetz des Geistes aber ist derselbe neu einge­pflanz­te Gotteswille, der uns in die Liebe leitet. Die Befreiung vom Gesetz, das uns verurteilen muß, hat doch kein anderes Ziel, als daß wir Gott lieben und unseren Nächsten wie uns selbst.

Ist der neue Ort doch wieder der alte? Insofern ja, als in Christus und im Wan­del nach dem Geist und im Sinnen des Geistes nichts anderes als Leben und Frieden verwirklicht werden. Am neuen Ort in Christus sind wir nicht ent­rückt von dieser Erde, auf der wir die Liebe tun müssen, auch wenn der Him­mel nun über ihr aufgetan ist und das Leben als ewiges Leben und der Frie­de als ewiger Friede mit Gott aufleuchten. (Wenn Johann Sebastian Bach seine Motette „Jesu, meine Freude“ elfteilig komponiert hat, dann ist das vielleicht ein Hinweis auf die alte Überlieferung von der Elfzahl der Himmel.) 

In Christus wird der alte Ort unseres Lebens neu. Das Gesetz hat unser Leben nicht zu verändern vermocht. Aber Gott hat es getan. Er trat selber in Jesus an unseren Ort, in unser von der Sünde bestimmtes Dasein. Er sandte seinen Sohn in der Gleichgestalt des sündigen Fleisches.  Das war nicht eine Stell­ver­tre­tung, die uns ersetzte und die eigene Stellung wegnahm. Sie hat auch nicht diesen Platz, den wir im Leben haben, eingespart, um einen größeren Wert zu schaffen. Im Tod Jesu ist die Sünde verdammt im Fleisch.  Das Gesetz der Sünde trifft ihn. Und wir sind befreit. Es ist nun nichts Verdamm­li­ches an denen, die in Christus Jesus sind, die nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geist.  

 Der alte Ort des Fleisches

Wir wissen, daß das Fleisch im biblischen Sinn nicht das ist, was wir beim Metzger kaufen. Mit dem Fleisch ist die von der Sünde bestimmte mensch­li­che Existenz bezeichnet, in ihrer Selbstsucht und Anfälligkeit, in ihrer Angst und Hinfälligkeit. Doch wenn ich das Wort „Fleisch“ durch das Wort „Selbst­sucht“ ersetze, geht die körperliche und örtliche Dimension verloren. Ich kann meinen sterblichen Leib nicht aus diesem Bereich hinausbringen. Ich bin Fleisch. 

Es ist noch nicht lange her, da hat der Rinderwahnsinn in Europa die Gemüter bewegt und das Kauf­verhalten von Millionen Menschen beeinflußt. Das war wohl hier in Hannover nicht anders als in der Schweiz. Vorher war bei vielen das Schweinefleisch verpönt. Nun blieb in der Angst der Leute das feinste Beefsteak liegen. Dann verschwand das Thema wieder aus den Schlagzeilen. Aber latent ist das Problem natürlich immer noch da. Der biblische Begriff des Fleisches ist nicht so unverständlich, wie wir zuerst empfanden. Die möglicherweise gefährliche Speise und der biblische Begriff, der den Herrschaftbereich der Sünde bezeichnet, bekommen etwas mit­einander zu tun. (Man muß nicht so weit gehen wie das Grusellied „In Hannover an der Leine, Rote Gasse Nummer 8“)  Epidemieartig greift plötzlich Panik vor den mit Tier­mehl gefütterten Rindern um sich. Was eben noch begehrtes Lebens- und Genuß­mittel war, wird zum bedrohlichen Fleisch, das auf den Tod bedacht ist. Es zeigt sich, daß das Fleisch sich auch auf dieser handfesten Ebene nicht dem Gesetz unterordnet. 

Ihr aber, so spricht Paulus es denen zu, die er zuvor an ihre Taufe erinnert hat, seid nicht mehr bestimmt und beherrscht vom Fleisch. Eure sterblichen Leiber müssen nicht mehr die Angriffsfläche für die Sünde sein. „Trotz dem alten Drachen.“  

______________________

II

Römer 8, 9-11

Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. Wenn aber der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt. 

Wo sind wir denn wirklich? Wir haben uns in dem elendig zerrissenen und verfallenen Ich des Römerbriefes erkannt. Wir machen die negative Selbst­erfahrung, wie wir mit bestem Willen uns verfehlen. Und jetzt heißt es: Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist. Stimmt das für uns selber? Und heißt es, daß alle Freude in der leiblichen Existenz ein böser Rückfall sei? Heißt der Genuß eines guten Essens, heißt die Lust in der Umarmung, fleisch­lich gesinnt zu sein?

Der Zuspruch in der Verneinung

Es fällt mir auf, daß Paulus von diesem Sein im Geist mit Verneinungen reden muß. Es ist nichts Verdammliches an denen, die in Christus sind. Nichts. Ihr aber seid nicht fleischlich.  Diese negative Sprachform verrät die Spannung, in der wir uns befinden. Daß wir nicht mehr unter der Herrschaft der Selbstsucht stehen und das Leben nicht mehr ängstlich an uns reißen, kann man nicht sehen. Wir sind doch immer noch am alten Ort des Fleisches. Paulus muß es uns sagen, weil wir es nicht an uns selber ablesen können. „Ihr seid nicht, wer ihr meint sein zu müssen. Ihr seid nicht der elende, sondern der befreite Mensch.“ Gerade weil ich mir selber so viel Negatives sage, muß mir widersprochen werden; ein Nein gegen das Nein. Wenn wir uns sagen, wir könnten nicht mit weniger zufrieden, nicht treu, nicht demütig und nicht glücklich in der Gabe sein, die uns gegeben ist, dann hören wir aus diesem Wort den heilsamen Widerspruch: Doch, ihr könnt es im Glauben. Ihr müßt nicht das Leben anderswo suchen, wo ihr meint, das zu finden, was euch fehlt. Denn ihr selber seid der Ort, wo der Geist Gottes wohnen will.

Eine Wohnung für den Geist

Wenn das Leben in Christus uns frei gemacht hat aus dem Gefängnis der Gottes­feindschaft, dann haben wir es uns unweigerlich als eine Bewegung vorgestellt, die uns an einen neuen Ort führt. Überraschenderweise sagt Paulus nun, daß der Wechsel in unserem sterblichen Leibe stattfindet. Wir sind für den Schöpfergeist Gottes, der Jesus von den Toten auferweckt hat, als Wohnung nicht zu eng und zu gering. Der Geist wirft unser Selbst nicht hinaus. Aber es muß auch nicht mehr ängstlich in Selbstsucht auf die Suche nach dem Selbst gehen. Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich.  Und dennoch melden, solange wir in diesem Leib leben, unsere Sinne auch seine Bedürfnisse an. Sie gehören dazu, wie eben zu einer Wohnung Türen und Fenster; Balkon oder Garten. Der Geist Christi verschließt sie nicht und läßt das, was blüht, nicht verkommen. Aber er will auch nicht von uns in einem speziellen Kämmerlein eingeschlossen und nur hin und wieder einmal aufge­sucht werden. Christi Geist möchte uns näher sein, als wir uns selber sein können und mit hinausgehen, wenn wir einander begegnen.   

Schreibe einen Kommentar