3. Januar 2010 | Predigt

Predigt über die Jahreslosung Joh 14,1

Predigt über die Jahreslosung Joh 14,1 am 3.1.2010 in der Neustädter Hofkirche in Hannover

Friedensgruß

Der Predigttext für diesen Sonntag ist die Jahreslosung:

„Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ (Johannes 14,1) 

Liebe Gemeinde, 

wir lassen das neue Jahr außer Acht.

Wir reden heute nicht über Katastrophen des letzten und gute Vorsätze für das neue Jahr, wir reden heute über ein Duett, über die Liebe zur Weisheit und über die Gewißheit des Glaubens. Wir reden heute über mehrere Gespräche. 

1. Gespräch: Jesus redet mit seinen Jüngern

Am Anfang, bei Johannes, redet Jesus zu seinen Jüngern. 

Der Jesus des Johannesevangeliums führt ein Gespräch mit seinen ängstlichen Jüngern. Diese ahnen schon die Katastrophe der Kreuzigung voraus, und der Gottessohn hält ihnen darum eine große, längere Rede, von der die Jahreslosung ein kleiner winziger Vers ist, wenn auch ein Vers, der die gesamte Rede in ihrem Kern verdichtet. 

Das ist eingebettet in einen leicht unwirschen Ton: Eigentlich solltet ihr es jetzt längst verstanden haben. Was muß ich zu euch predigen? Und gleichzeitig spricht Jesus mit der großen Geste des Seelsorgers. Ihr seid mir nicht gleichgültig. Ich sorge für euch. Ich kümmere mich um eure Herzen. 

Und er spricht nicht zum gebrechlichen Körper und nicht zum kühlen Verstand, er appelliert nicht an den Willen und nicht an die blühende Phantasie. Er spricht zu den Herzen. Das Herz eines Menschen ist sein innerer Kern, der Motor seines Lebens, die Kraft, die ihn vorantreibt mit 70 Schlägen in der Minute, aber genauso auch ein Ort tiefer Gefühle, der Liebe, der Freude, aber eben auch der Verzagtheit und der Angst. Euer Herz erschrecke nicht. Der redende Jesus des Johannesevangeliums ist ein Seelsorger der ängstlichen Herzen. 

Das Herz eines Menschen ist in seinem Inneren verborgen. Die anderen können mir nicht ins Herz blicken, und – Kränkung für den Intellekt – ich bin auch nicht selbst der Herr meines Herzens: Ob ich Angst oder Freude empfinde, das entscheidet nicht mein Willen, sondern das Herz, das mich bestimmt. Das Herz ist ein tieferer Ort im Menschen, ein Organ, über das ich nicht bestimme, sondern das mich bestimmt: im Gemüt, in der Seele und im Denken, auch wenn mir das gar nicht bewußt ist. Darum spricht Jesus den Oberflächenmenschen des Intellekts und des Willens gar nicht erst an. Euer Herz erschrecke nicht: Er will den Kern dort erreichen, wo die Stimmungen des Menschen gemacht werden, wo sich seine Gefühle bilden und wo die Entscheidungen des Gemüts fallen. Das andere, das oberflächliche (Selbst-)Bewußtsein, die Verstandestätigkeit und die täglichen Abläufe des Lebens treten demgegenüber zurück. Für Unterhaltung und Zerstreuung, so lieb sie uns geworden sein mögen, ist beim philosophierenden Jesus kein Platz. Er stellt die schlichte Frage: Wie können meine Jünger ihre Ängste „bewältigen“? Bewältigen ist kein schönes Wort. Vielleicht sollte man das umformulieren: Wie kann ich lernen, mit meinen Ängsten im Herzen zu leben?

2. Gespräch: Der Philosoph redet mit seinen Lesern

Diese Frage hat sich auch der Philosoph Michel de Montaigne gestellt, dessen alltagsphilosophische „Essais“ mich im vergangenen Jahr begleitet haben. Montaigne kam in einem auch so weit wie Jesus, er fragte über die Oberfläche des Menschen hinaus. Und ihm fiel ein bemerkenswerter Satz aus der Antike ein, über den er lange nachdachte: „Die Menschen, sagt eine alte griechische Sentenz, werden durch die Meinungen gequält, die sie von den Dingen haben, nicht durch die Dinge selbst.“ (Montaigne, Essais 1, 78) Dafür gibt es Beispiele: Nicht das Verhalten eines Feindes ist wichtig, sondern die Gedanken, die ich mir darüber mache. Nicht die schmerzende Behandlung beim Arzt ist wichtig, sondern die Angst, die ich davor habe. 

Das Herz hält die Mittel bereit, die Dinge und Menschen, die mir begegnen, durch Gefühle und Stimmungen je nach Belieben größer oder kleiner, furchtbarer oder wunderbarer zu machen. Das Herz steigert durch Angst und Verzagtheit die Furcht vor einem Menschen oder einem bestimmten Ereignis, genauso kann es Dinge und Personen überspielen, verharmlosen und verniedlichen, vergröbern. Es kommt also nicht auf die Personen und Dinge an, die uns begegnen, sondern auf die Einstellung des Herzens, mit der wir uns Personen und Dingen nähern. Und Montaigne folgert daraus: Also kommt es darauf an, nicht die Wirklichkeit zu ändern, was eine einzelne Person sowieso nicht vermag, sondern es kommt darauf an, an den Einstellungen des eigenen Herzens zu arbeiten, an seinem Erschrecken und seinem Erfreuen. Wobei Montaigne diesen Gedanken bis zur letzten Konsequenz entfaltet, denn er sagt auch. Nicht der Tod ist für uns wichtig, sondern die Einstellung, Furcht oder Furchtlosigkeit, mit der Menschen auf den Tod zugehen. 

Und das ist die Konsequenz: Wenn es gelänge, an den Schrauben des Herzens zu drehen und die eigenen Gefühls- und Gemütslagen ein wenig anders zu justieren, dann könnte man leichter, unbeschwerter, befreiter durchs Leben gehen – und am Ende auch den Tod überstehen. 

Darin nun gleichen sich der philosophische Prediger aus dem Johannesevangelium und der predigende Philosoph aus dem Bibliotheksturm in der Nähe von Bordeaux. Aber in den Lösungswegen unterscheiden sie sich. In guter, menschenfreundlicher Skepsis empfiehlt Montaigne, den Lärmpegel der Gemütslagen unseres Herzens soweit herunterzudrehen, daß möglichst gar nicht mehr ausschlägt, egal wie schwer die Schicksalsschläge sein mögen, die uns im Leben erwarten.

3. Gespräch: Sopran redet mit Bass

Ich bin überzeugt, das würde der Mann aus Nazareth für unmöglich halten. Denn der Lärmpegel unseres Gemüts wird ausschlagen. Angst läßt sich nicht beherrschen, nicht herunterregeln auf minimale Lautstärke. Der Lösungsweg Jesu sieht anders aus. Wie anders, das erkläre ich mit Hilfe von Johann Sebastian Bach. 

Bachs Kantate „Liebster Jesu mein Verlangen“ (BWV 32) ist als ein Gespräch aufgebaut. Die ängstliche, flatterhafte, hin und her schwankende Seele mit der Stimme eines Soprans zu dem auferstandenen, himmlischen, vergeistigten Jesus, dieser mit der Stimme eines Basses. Bei Bach ist es nicht das Herz, sondern die Seele, die sich ängstigt. Aber das Herz kommt auch an mehreren Stellen vor. Verwirrt und verzagt und betrübt ruft die Seele in den Himmel des Glaubens hinein, und erhält im gesungenen Gespräch die tröstende Antwort des auferstandenen Christus. Das Duett vor dem abschließenden Choral ist der theologische Höhepunkt der Kantate. In dialogischer Ergänzung singen sich Sopran und Bass, Seele und Jesus einander den Glauben zu:

Sopran: „Nun will ich nicht von dir lassen, /

dann der Bass: Und ich dich auch stets umfassen.

dann der Sopran: Nun vergnüget sich mein Herz

Und kann voller Freude sagen:

Sopran und Bass: Nun verschwinden alle Plagen,

Nun verschwindet Ach und Schmerz!

Was in der Kantate euphorisch klingt, klingt in der Jahreslosung ein wenig nüchterner: „Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ Die zugestandenen und nüchtern konstatierten Befürchtungen des Herzens auf der einen und die Gewißheit des Glaubens auf der anderen Seite kommen in ein Verhältnis der Entsprechung. Und das ist das Großartige an dieser Jahreslosung: Die Schwierigkeiten des Lebens, das Leiden, die Verzweiflung, Ängste, Trauer, alle prekären Seelenlagen, Befürchtungen, Zweifel, schlechte Stimmungen werden ausgesprochen und anerkannt. Und dem stellt Jesus die Gewißheit des Glaubens gegenüber. Der Bachsche Seelensopran läßt sich euphorisch auf den Baß -Jesus des Glaubens ein. Diese Musik ist mit einem gewissen Recht von ihrem theologischen Ergebnis her komponiert. Der Jesus der Jahreslosung stellt Glaubensgewißheit und Herzensangst gegenüber. 

4. Gespräch des Herzens: Glauben redet mit Angst

Die wichtige Frage lautet aber: Wie verwandelt sich das eine in das andere? Wie kommen wir von der Herzensangst zur Glaubensgewißheit? Diese Verwandlung geschieht in drei Schritten.

1. Der erste Schritt heißt: Ich erkenne das an, daß ich ein Mensch mit Trauer und Freude, mit einer großen Variationsbreite von Herzensgefühlen bin. Und diese Herzensgefühle führen mich manchmal in die Irre, besonders wenn sie sich mit Ängsten und Verzweiflung verbinden. Jesus stellt das in aller Nüchternheit fest.

2. Der zweite Schritt: Ich muß mich nicht selbst beweisen. Es ist nicht nötig, daß ich mein eigenes Herz bekämpfe. Ich kann jedes Gefühl zulassen, weil ich weiß, daß das Wesentliche ein anderer getan hat. Nicht ich gehe auf Gott zu, sondern Gott kommt auf mich zu. Nicht ich produziere mich, sondern Jesus nimmt mich mit offenen Armen auf. 

3. Dritter Schritt, und das ist der entscheidende: Egal was dieses neue Jahr an Ängsten und Freuden, an Katastrophen und Wundern bringen wird, egal was sich in der Vordergrund der Öffentlichkeit und des eigenen Lebens spielt – es kommt darauf an, daß mir Gott in Gnade und Barmherzigkeit entgegenkommt. Und dieses Entgegenkommen kann ich leichten Herzens mit dem beantworten, was man die Gewißheit des Glaubens nennt. Diese Gewißheit schaltet den Zweifel nicht völlig aus. Es geht, wie gesagt um ein Wechselspiel, um ein Gespräch. Und dieses Gespräch wird in der Gewißheit geführt, daß Gott bei allem, was in der Vergangenheit war, und bei allem, was in der Zukunft kommt, das gnädige letzte Wort hat. Ob man diese Gewißheit in den Gesang eines Chorals faßt, wie das Johann Sebastian Bach getan hat, oder ob man sie schweigend nach dem Gottesdienst nach Hause trägt, das spielt keine Rolle.

„Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.“

Amen. 

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