24. Dezember 2009, Heiligabend | Predigt

Pn Trauschke vor der Neustädter Hof- und Stadtkirche

Die heilsame Gnade Gottes sei mit euch allen!

Predigt in der Christvesper am Heiligen Abend 2009 in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis Hannover von Pastorin Martina Trauschke

Die heilsame Gnade Gottes sei mit euch allen!

Liebe weihnachtliche Gemeinde!

Das Volk, das im Finstern wandelt – mit diesem eindringlichen Bild beginnt die erste Lesung aus dem Propheten Jesaja, die wir gehört haben. Das Volk, das im Finstern wandelt – sind wir das nicht? Wie wir hier heute zusammen sind? Angst haben wir gehabt in diesem Jahr um unser Geld und unseren Wohlstand; dann ist die Finanzkrise doch glimpflicher in ihren Auswirkungen für die meisten bei uns geblieben. Gearbeitet unter hohem beruflichen Druck haben wir, als ob die Leistungserwartungen gar keine vernünftige Grenze haben und wir Versager sind, wenn wir ihnen nicht entsprechen. Und diejenigen, die Zeit haben, müssen es eher verbergen, weil wir so verrückt geworden sind, darin ein Indiz zu sehen, wir seien nicht gebraucht und also nicht wichtig. Religiös sind wir unter Druck geraten. Wer ist der stärkere Gott? Titelte der „Spiegel“ in dieser Woche und diskutiert, ob das Christentum oder der Islam die für unsere Zeit und Welt tauglichere Religion sein.

Ja, die Finsternis ist real. Und nicht nur in der dunklen Jahreszeit. Lebendig zu sein bedeutet immer wieder finsteren Mächten gegenüber zu stehen und manchmal fast überwältigt zu werden – im Inneren wie im Äußeren. Wir brauchen uns heute und in den Tagen, die kommen nichts vorzumachen über uns selbst, unsere Welt und unsere Zeit. Wir brauchen uns das Leid nicht zu verbergen. Denn Gott wartet nicht bis wir bessere Menschen geworden sind. 

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht. Die heilsame Gnade Gottes ist allen Menschen erschienen in der Geburt und im Leben Jesu Christi. So feiern wir heute. Die heilsame Bestätigung des Wohlwollens Gottes leuchtet hell in die Angst, nicht genug vom Leben zu bekommen. Die heilsame Gnade leuchtet hell in die Traurigkeit einer verfeindeten Atmosphäre. Wir denken, wenn wir traurig sind, wenn wir gestresst sind, wenn es dunkel in uns ist, können wir nicht Wehnachten feiern. Aber das ist eine Überschätzung unserer Befindlichkeit. So wichtig sie für uns natürlich ist, weil sie unser Lebensgefühl ausmacht. Die heilsame Gnade kommt zu uns, berührt und verändert uns in unserer Befindlichkeit. Was ist das für eine Veränderung durch die Gnade? Was ist das für eine neue Geburt?

In den vergangenen Adventswochen habe ich eine Weihnachtspredigt von Gregor von Nazianz aus dem Jahr 380 entdeckt. Das war die Zeit, als das christliche Weihnachtsfest gerade die Gestalt bekommen hatte, die wir auch kennen. Parallel gab es im römischen Reich noch die Sonnenwendfeiern für den unbesiegbaren Sonnengott mit großem festlichen Aufwand an geschmückten Straßen und üppiger Sinnlichkeit in der Festgestaltung. Dagegen stellt Gregor das Fest des Geistes. So sagt er: „ Wir aber, die das Wort anbeten und uns freuen sollen, wollen uns freuen im Wort, im göttlichen Gesetz und in Erzählungen, die zum heutigen Fest in Beziehung stehen, damit unsere Freude dem Feste angemessen sei und dem nicht fremd, der uns berufen hat.“ Jetzt mag vielleicht der eine oder andere denken: Wußte ich es doch, diese blasse Askese, diese Angst vor Sinnlichkeit saß dem Christentum schon immer im Nacken. Aber ganz so liegt die Sache nicht. Wenn es ein Fest gibt in unserem Glauben, das Geist und Sinnenfreude zusammenbringt, dann ist es Weihnachten. Der Unterschied ist ein anderer: Auch wenn wir uns der wieder erstarkenden Sonne freuen, beten wir sie nicht an, sondern den, der die Sonne gemacht hat und der uns Licht gezeigt hat, das von der Sonne unabhängig ist. Der Geist muß und will nicht die Sinnenfreude unterdrücken, aber er schafft eine Unterscheidung, in der wir verstehen, das die Weihnachtsfreude nicht aus den Geschenken und dem guten Essen kommt, sondern beides wir uns geben und genießen, um nicht stumm auf der Freude sitzen zu bleiben. Eins der schönsten Zeugnisse dieser Unterscheidung stammt von Dietrich Bonhoeffer. Es ist ein Weihnachtsbrief an seine Braut Maria von Wedemeyer, den er am 13. Dezember 1943 geschrieben hat, als er seit neun Monaten wegen seiner konspirativen Tätigkeit gegen Hitler im Gefängnis saß. Er schreibt aus dem Gefängnis in Berlin Tegel:

Er schreibt davon, dass Sie in diesem Jahr das Weihnachtsfest getrennt feiern müssen. „Es wird uns beiden ein paar schwere Stunden kosten – warum sollten wir das voreinander verhehlen? … Wie schwer ist es, das innerlich zu bejahen, was sich dem Begreifen entzieht, wie groß die Gefahr, sich einem blinden Zufall ausgeliefert zu fühlen, wie unheimlich schleicht sich in solchen Zeiten Misstrauen und Bitterkeit in unser Herz und wie leicht nimmt der kindische Gedanke von uns Besitz, als seinen wir mit unserem Leben, unseren Wegen und Widerfahrnissen in den Händen von Menschen – und wenn das alles sich so an uns herandrängt, dass wir uns kaum mehr erwehren können, dann kommt zu rechter Zeit die Weihnachtsbotschaft und sagt uns, dass alle unsere Gedanken verkehrt sind und dass das, was uns böse und finster erscheint, in Wahrheit gut und licht ist, weil es von Gott kommt. Es ist nicht die stoische Unberührtheit von allen äußeren Geschehnissen, die hier gemeint ist, sondern ein wirkliches Erleiden und ein wirkliches Sich-freuen, weil wir wissen, dass Christus dabei ist. Liebste Maria, laß uns Weihnachten so feiern. Sei mit den anderen zusammen so froh wie man es nur Weihnachten sein kann. Male Dir keine schrecklichen Bilder über mich in meiner Zelle aus, sondern denke nur daran, dass Christus auch durch die Gefängnisse geht.“ 

Eine sehr persönliche Weihnachtspredigt im allerbesten Sinn ist das. Wie befreiend zu hören, die konkrete Befindlichkeit wird nicht nivelliert, um der Weihnachtsbotschaft Raum zu geben. Sondern die Weihnachtsbotschaft greift ein und verwandelt die bedrängende Erfahrung. So wird ein Mensch innerlich neu geboren, wenn das Gift der Angst und der Bitterkeit schon zupacken wollte. In einer der Weihnachtslesungen ist dies so ausgedrückt: „Die heilsame Gnade Gottes ist allen Menschen erschienen und sie erzieht uns. Sie erzieht uns, damit wir in unserem Handeln nicht der Gottlosigkeit und den Leidenschaften erliegen.“

Das Wohlwollen Gottes, die heilsame Gnade wie wir sie heute vor Augen haben, tut etwas mit uns – sie erzieht uns; eröffnet einen Prozeß, der uns eine neue Form gibt. In diesem Prozeß werden wir hilflosen Gestalten, die jedem Impuls des Inneren oder jedem Anspruch von außen ausgeliefert sind, zu Menschen mit menschlicher Form. Die Wirkmächtigkeit der Gnade, des Wohlwollens Gottes ist stärker als alle Bedrängnisse, in die wir verstrickt sind. Auch die Not oder die Notwendigkeit des Lebens diszipliniert und erzieht uns. Das heißt wir akzeptieren die Vorgaben des Chefs, wir fügen uns in die Gruppe, zu der wir gehören usw.  Das ist die Erziehung auf elementarstem Niveau. Da reagieren wir auf die Kräfte, denen wir ausgesetzt sind. Die Neuformung durch die Gnade erhebt uns zu Menschen, die diese Fremdbestimmung hinter sich lassen. Die Erhebung des Menschen durch das heilsame Wohlwollen Gottes lasst uns feiern in der Klarheit des Verstehens, in der Innigkeit des Glaubens, in der Heiterkeit der Lichter und der Buntheit der Geschenke. So lassen Sie uns Weihnachten auskosten mit unseren Sinnen und in der Verbundenheit des Geistes Gottes, der sich in der Krippe gezeigt hat.    

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