1. November 2009 | Predigt

Gottesdienst in der Neustädter Hof- und Stadtkirche am 1. November 2009 von Landesbischof Prof. Dr. Friedrich Weber, Braunschweig

Ihr habt gehört, dass gesagt ist »Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Text Mt 5,38-48

Liebe Gemeinde,

eine spannende Woche liegt hinter uns: wir haben eine neue Bundesregierung und eine neue Ratsvorsitzende in unserer evangelischen Kirche. Gestern war Reformationstag. Mit vielen anderen habe ich in Augsburg an die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre vor 10 Jahren gedacht und heute früh haben wir im Gottesdienst der Gemeinde Calvörde in Sachsen-Anhalt die Zeit um den 20. Jahrestag der Öffnung der innerdeutschen Grenze und damit des Zusammenbruchs eines totalitaristischen Systems erinnert. Es hat letztlich vor Kerzen und Gebeten kapituliert. Zum Kontext dieses Sonntages gehört aber auch der Kriegsverbrecherprozess in Den Haag gegen einen notorisch abwesenden Radovan Karadzic und der Prozessauftakt in Dresden, bei dem der Mord an einer jungen Ägypterin zur Debatte steht, die nichts weiter wollte, als ihren Jungen auf dem Spielplatz schaukeln lassen.   

Da hinein hören wir:

38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist »Auge um Auge, Zahn um Zahn.«

39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.

40 Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel.

41 Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.

42 Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.

43. Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen

44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen,

45 damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

46 Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner?

47 Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden?

48 Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.

 Mitten hinein in unsere unbußfertige, friedlose und oft genug gleichgültige Welt klingen die radikalen Forderungen der Bergpredigt und sprechen zu uns, 

  • von Gottes Erwartung, vollkommen zu werden wie er, trotz Rechtfertigungslehre
  • zu lieben wie er, auch angesichts von Gewalt und Unrecht.

Ist das zuviel verlangt? Die Theologie hat immer wieder danach gefragt, wie mit diesen radikalen Zeilen überhaupt umgegangen werden soll. Die Forderungen sind mächtig. Sie bringen uns an die Grenze unseres Vermögens, unserer Sittlichkeit und Barmherzigkeit. Martin Luther hielt es für wenig hilfreich, die Bergpredigt als bürgerliche gesetzliche Ordnung zu lesen. Ihm ging es vielmehr darum, ihre Forderungen im Glauben zu erfüllen und also nicht anzunehmen, dass Jesus hier ein neues Recht lehren will, sondern vielmehr dazu aufruft, auf geltendes Recht und etwaige Ansprüche im konkreten Fall zu verzichten. Albert Schweitzer dagegen hielt die berühmten Jesusworte für eine „Interimsethik“ und nur aus der Naherwartung des unmittelbar bevorstehenden Weltendes heraus für verständlich. Dass man auf lange Sicht so leben könnte – hielt er, der ja weit mehr, als nur einen Mantel für die christliche Nächstenliebe hergegeben hat – für ausgeschlossen. Und von veritablen Bundeskanzlern kennen wir recht deutlich Aussagen, zur politischen Bedeutung dieser Worte.  

Doch auch wenn wir in diesen Versen möglicherweise wirklich nur den Idealfall christlicher Lebensführung sehen können, so bildet dieses fünfte Kapitel doch des Matthäusevangeliums die Grundlage christlicher Ethik ab. Wir können uns nicht herausreden, dass es keine klaren Ansagen gäbe. Im Gegenteil, wir sind und bleiben angewiesen auf die Orientierungshilfen und Handlungsmaximen der Bergpredigt, auch wenn wir allzu leicht Ausflüchte finden, Kompromisse machen wollen. 

Aber neu ist das alles nicht:

In der 5. Arie der heutigen Bachkantate heißt es: „Der Heiland kennet ja die Seinen / Wenn ihre Hoffnung hilflos liegt. / Wenn Fleisch und Geist in Ihnen streiten, / So steht er ihnen selbst zur Seiten, / damit zuletzt der Glaube siegt.“ (BWV 109)  

Lassen Sie uns also in diesem Sinne den alten und sicherlich vertrauten Text noch einmal entlanggehen! 

Da heißt es zunächst: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Das kommt uns gerecht vor und angemessen. In diesen Kategorien denken wir gern, wenn wir ausloten wollen, was uns zusteht. Gleiches mit Gleichem zu vergelten, ist vielleicht nicht fein – aber ungerecht, untragbar erscheint  es uns nicht. Zumal unsere Konflikte ja weniger bei Mord- und Totschlag als eher bei Lärm in der Mittagruhe, zugeparkten Einfahrten, unfreundlicher Nachrede aufblühen. Aber braucht es da auch nicht Versöhnung? 

Und schließlich – sortieren wir nicht auch unser Weltbild so, dass es eine Anfechtung ist, zu hören: „Widerstrebt nicht dem Übel!“ Versucht also gar nicht erst, euch in diesen Wettstreit einzulassen, vermeidet es, die Mechanismen der Macht zu bedienen, denn die daraus wachsende Gewaltspirale wird uns über den Kopf wachsen, uns unter sich begraben. 

Das klingt vernünftig – aber wie kann ich das leben?

„Verschwindet, sonst schaukle ich dein Kind tot.“ Mit diesen Worten hatte ein Mann die junge Ägypterin  Marwa el-Serbini angemacht. Sie hat ihn angezeigt.  Nach der Gerichtsverhandlung wurde sie von ihm erstochen.  Hätte sie schweigen sollen? Hätte der demütige Rückzug den Feind nicht nur stark gemacht und zudem die eigene Würde gefährdet? Sollen wir uns nicht verteidigen? Und wenn der Weg der Bergpredigt tatsächlich die  Ausbruchsmöglichkeit aus Gewaltspiralen ist, wo können wir sie lernen, wer lebt sie uns vor? Denn deutlich ist ja auch: der Auseinandersetzung mit dem Bösen können wir nicht ausweichen. Mag, wie mein verehrter Kollege in Magdeburg, Axel Noack, gesagt hat, unsere Welt auch längst erlöst sein – heil und frei von Gewalt ist sie noch längst nicht. 

Dennoch: Unser Verstand wehrt sich. Vielleicht, weil wir ahnen, dieser Weg führt ans Kreuz. In aller Radikalität wird verlangt, uns nicht vom Handeln unseres Feindes bestimmen zu lassen, sondern vom Handeln Gottes. Und längst wissen wir: in den seltenen Fällen, in denen das gelingt, wird Frieden möglich. 

Denn denken wir zurück an den Herbst 1989: hätte das Denken und Handeln des Staates, seiner Polizisten, Kampftruppen und Spitzel das der Demonstranten bestimmt, wären sie wohl nicht mit Kerzen auf die Straßen und in die Kirchen gegangen. Das war sicherlich keine ausgeklügelte Taktik, sondern die Kraft der Schwachen und gefährlich, aber es hat angesteckt, mutig gemacht und in die Freiheit geführt. 

Solche Momente schenkt uns das Leben nur selten – sowohl als Chance als auch als Herausforderung und auch die Bergpredigt scheint im Fortgang entschärfen zu wollen. Es klingt fast  wie, wenn du dies nicht schaffst, dann wenigstens jenes: wenn du es nicht hinkriegst, Schläge einzustecken, statt dich zu wehren, dann gib dem Räuber wenigstens noch was zu, begleite den Anspruchsvollen weiter als nötig, mindestens aber gib dem der, dich bittet. Ganz plastisch sehen wir die Abwärtsspirale, die Deeskalation. Aber die ist vermutlich gar nicht gemeint. Vielmehr weitet Jesus seinen Anspruch auf wirklich alle Bereiche unseres Lebens aus. 

Es gibt keine abgeschwächte Variante und es geht nicht nur um den Extremfall, sondern um eine grundsätzliche Haltung, um unseren Alltag. 

Diese Haltung gründet sich im Liebesgebot. „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen

„Du sollst deinen Nächsten lieben…“ Aber es geht nicht weiter wie sonst, heißt nicht: „wie dich selbst.“ Für diesen Zusammenhang kann das Maß, in dem wir uns selbst lieben nicht weiterhelfen. Vielleicht ist es ein zu moderner Gedanke, sich zu fragen, ob wir vielleicht so schlecht mit uns selbst umgehen, dass die Gewaltspirale an diesem Ende nicht außer Kraft zu setzen ist. Ganz sicher eröffnet diese Leerstelle aber den Verweis auf Gott. Nicht wie du mir, so ich dir, sondern: wie Gott mir, so ich dir.

 Und zuletzt: Eine konkrete Alltagsform benennt der Text doch, als bräuchte es eine Illustration gegen all unsere Widerständigkeit. Es heißt: „Wenn ihr nun zu meinen Brüdern freundlich seid…“ Auch das wird vielleicht nicht immer ganz von Herzen kommen, ist wohl manchmal nur eingeübte Höflichkeit. Aber die hat ihren Wert, denn   

„könnte es nicht sein, dass die freundliche Geste, die von meinem Herzen nicht völlig gedeckt ist, der Form gewordene Glaube ist, dass Feindschaft überholbar ist, …dass wir die Versöhnung von morgen ernster nehmen als die Feindschaft von heute. Man ist sich in diesen Gesten selber voraus. Das ist keine Lüge sondern Hoffnung.“

Von ihr und zu ihr hin leben wir. 

Amen  

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